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Transferagentur Mitteldeutschland für Kommunales Bildungsmanagement – TransMit

26.02.2020

Zweiter Bildungsbericht der Stadt Jena vorgestellt

Die Stadt Jena veröffentlichte am 17. Dezember 2019 auf ihrer Bildungskonferenz im Historischen Rathaus den „Zweiten Bildungsbericht“ der Stadt mit dem Themenschwerpunkt „Übergänge an den Schnittstellen von Schule, Berufsausbildung und Studium.“ Etwa 100 Personen aus Stadtverwaltung, der Jenaer Bildungslandschaft und anderen mitteldeutschen Kommunen folgten der Einladung.

Die Brücke zwischen Bildungsbericht und bildungspolitischem Handeln

Bildungsberichte können vieles sein: zahnlose Papiertiger, Briefbeschwerer oder Schmuck für das Büroregal. Auch der beste Bildungsbericht verblasst, wenn er nicht bedeutsam wird für das bildungspolitische Handeln und die Strategieentwicklung in der Kommune. Aber wie regt man zur Arbeit mit dem Bericht an? Wie schafft man es, dass er zu einem wichtigen Steuerungsinstrument in der Bildungslandschaft wird?

Um eine Brücke zwischen dem Bericht und den bildungspolitischen Entwicklungsprozessen in der Kommune zu schlagen, setzen die Verantwortlichen der Stadt Jena auf ein mehrstufiges Verfahren, bei welchem die Bildungskonferenz ein wichtiger Baustein ist. Hierzu hat die Stadt Jena am 17. Dezember 2019 Personen aus Stadtverwaltung, Akteure der Bildungslandschaft und aus anderen mitteldeutschen Kommunen in das Historische Rathaus eingeladen. 

In seiner Einführung betont Eberhard Hertzsch, Dezernent für Familie, Bildung und Soziales der Stadt Jena, noch einmal die große stadtentwicklungspolitische Bedeutung des Bildungsberichts. Auch Stefanie Teichmann vom Bildung-integriert-Team der Stadt erläutert, dass der Bericht mit dem Anspruch angefertigt wurde, die bildungspolitische Diskussion in der Kommune zu bereichern: „Mit den Ergebnissen des Bildungsberichts wollen wir herausarbeiten, an welchen Stellen wir als Stadt und Stadtgesellschaft besser werden können.“

Bereits im Vorfeld der Veröffentlichung des Berichtes wurden diese Handlungspotentiale erschlossen. Nachdem die Ergebnisse der Datenanalysen vorlagen, formulierten das Team der integrierten Sozialplanung und eine Arbeitsgemeinschaft aus Expertinnen und Experten der Agentur für Arbeit, der Universität Jena, der Ernst-Abbe-Hochschule, der Jugendberufshilfe, der Schulverwaltung und dem Fachdienst für Migration zentrale Herausforderungen und erste Handlungsempfehlungen für die Bildungskommune Jena. Diese Empfehlungen wurden in den Bildungsbericht aufgenommen. Die Ergebnisse des Bildungsberichts und der beiden Arbeitsgruppen werden nun auf der Bildungskonferenz präsentiert und diskutiert.

Übergänge von der Schule in Beruf und Studium in Jena

Zunächst bringt Bildungsmonitorer Jan Wiescholek den Teilnehmenden das Konzept und die wichtigsten Ergebnisse des Berichts näher. Dieser ist entlang der Schnittstellen zwischen Schule, Ausbildung und Studium gegliedert und verknüpft die wichtigsten Kennzahlen dieser Bereiche. Damit reiht sich der aktuelle Bildungsbericht nahtlos an den ersten, der die allgemeinbildenden Schulen und das Freizeitlernen junger Menschen in Jena betrachtet hat. Mit den noch folgenden Berichten soll eine Reihe entstehen, die in der Gesamtbetrachtung die Kette des Lebenslangen Lernens abbildet.  

Mit Blick auf die Ergebnisse des Berichts erläutert Jan Wiescholek zunächst, dass sich die Verteilung der Bildungsabschlüsse in Jena deutlich von denen im übrigen Thüringen unterscheide: Absolventinnen und Absolventen verlassen die Schule seltener ohne Abschluss und deutlich häufiger mit Abitur. Die hohe Bildungsaspiration spiegelt sich auch in den Plänen der Jugendlichen nach der Schule wider. Zwei Drittel wollen ein Studium beginnen und knapp 16 Prozent sich mit dem Besuch einer Fachschule oder eines Fachgymnasiums weiter qualifizieren. Bei der Berufsorientierung nutzen Jugendliche aus Jena vor allem das Internet und Praktika, um einen Einblick in die Arbeitswelt zu erhalten. Eltern sind mit Abstand die wichtigste Personengruppe in Fragen der Berufswahl, gefolgt von Freunden und Verwandten. Institutionelle Akteure, wie Lehrkräfte oder Personen aus der Berufsberatung, folgen mit einigem Abstand.    

Eine Ausbildung im dualen System ist im Berufsbildungssystem der Stadt Jena noch immer die gefragteste Option. Gleichwohl nimmt der Anteil an dualen Ausbildungen seit Jahren ab, während die Bedeutung der schulischen Ausbildung wächst. Trotz der hohen Erfolgsquote im Jenaer Berufsbildungssystem – knapp 90 Prozent der Auszubildenden erwerben einen Abschluss – gibt es auch nicht erfolgreiche Bildungsverläufe. Neben den 10 Prozent, die keinen Abschluss erwerben, brachen im Schuljahr 2017/18 etwa 12 Prozent der Schülerinnen und Schüler an berufsbildenden Jenaer Schulen ihren Bildungsgang ab.

Auch den Studienstandort Jena beleuchtet der Bildungsbericht. Nachdem die Studierendenzahlen bis zum Ende der 2000er Jahre wuchsen, sind sie seitdem leicht rückläufig. Gleichzeitig wächst die Beliebtheit des Hochschulstandorts Jena bei Studierenden, die außerhalb Thüringens zur Schule gingen oder aus dem Ausland in die Stadt kamen.

Der Blick über den Tellerrand

Im Anschluss an die Vorstellung ordnet Prof. Birgit Reißig vom Deutschen Jugendinstitut e.V. (DJI) die Ergebnisse des Bildungsberichts in einen fachlichen Diskurs ein. Sie weist zu Beginn noch einmal auf die Zahl der Jugendlichen ohne Schulabschluss hin, die in den letzten Jahren deutschlandweit angestiegen ist. Studienergebnisse des DJI zeigten, dass Jugendliche ohne oder mit geringen Abschlüssen großes Interesse und vielfältige Bemühungen zeigen, diese nachzuholen oder zu verbessern, um so ihre Chancen auf dem Ausbildungsmarkt zu erhöhen. Dieses Potential zum Nachholen von Bildungsabschlüssen sollte bei der Diskussion um Schulerfolg nicht unberücksichtigt bleiben.

Die hohe Abiturquote in der Stadt weise noch einmal darauf hin, dass viele junge Menschen aus Jena gerne studieren möchten, fährt Reißig fort. Um die Jugendlichen bei der Studienwahl zu unterstützen, müsse der Studienorientierung weiter eine große Bedeutung zukommen. Außerdem betont sie, dass berufliche Orientierung ein langfristiger Prozess sei und nicht mit Beendigung der Schule abschließt. Berufsbiografische Entscheidungen werden in Frage gestellt und Orientierungen geraten immer wieder in Bewegung. Vielerorts vernehme man die Forderung, Angebote zur Berufsorientierung frühzeitiger anzusetzen. Dabei dürfe man aber nicht vergessen, dass eine kontinuierliche Begleitung und Unterstützung von Jugendlichen in Berufs- und Studienfragen auch nach dem Schulaustritt bedeutsam sei und gefördert werden müsse, sagt Reißig.

Die Leiterin der DJI-Außenstelle in Halle nimmt auch die Datengrundlagen kommunaler Bildungsberichterstattung unter die Lupe. Sie weist auf die Stärke von Paneldaten hin, die individuelle Bildungsverläufe aufdecken können. So zeigte eine Übergangsstudie des DJI, die für die Jahre 2007 bis 2009 Bildungsverläufe von jungen Menschen aus Jena nachzeichnete, dass Ausbildungsabbrüche nicht in eine Ausbildungslosigkeit der Jugendlichen mündeten. Vielmehr hatten sie sich auf andere Ausbildungen umorientiert. Aktuelle Befunde können auch mit diesen Ergebnissen konfrontiert werden und ließen sich so differenzierter deuten.  

Die Weiterentwicklung von Handlungsempfehlungen

Vor dem Hintergrund der Ergebnisse des Bildungsberichts und deren Einordnung im gerade gehörten Vortrag sind die Teilnehmenden dazu eingeladen, die ersten Entwürfe der Handlungsempfehlungen aus den Arbeitsgruppen zu diskutieren und kritisch zu prüfen. Dazu ordnen sie sich einem der fünf Workshops zu, die sich thematisch an den Schwerpunkten des zweiten Bildungsberichts orientieren: Abschlüsse an allgemeinbildenden Schulen, Berufsorientierung, berufliche Ausbildung, Studium und die Querschnittsthemen Inklusion, Migration und Geschlecht.

Die Moderierenden legen den Workshopteilnehmenden dazu Dokumente mit den vorgefertigten Empfehlungen vor. Darin sind die Herausforderungen und die abgeleiteten Handlungsvorschläge skizziert. Nachdem sich alle mit dem Papier vertraut gemacht haben, beginnen die lebhaften Diskussionen. Die Teilnehmenden tauschen sich rege über Begriffe und Formulierungen aus, fragen nach Hintergründen, geben Änderungsvorschläge, tun ihre Meinung kund und erörtern das Zusammenspiel der einzelnen Handlungsvorschläge. Die Diskutierenden sind fachlich weit aufgestellt, was zu vielen Impulsen aus ganz unterschiedlichen Richtungen führt. Diese lebendige Multiperspektive bringt die Moderierenden ins Schwitzen, müssen sie diese doch immer im Hinblick auf die Entwicklung von Handlungsempfehlungen zusammenführen und übersetzen. Die vielfältigen Anregungen dokumentiert eine Pinnwand, die vollständig bedeckt ist mit verschiedenfarbigen Moderationskarten, die Begriffe, Wortgruppen, Sätze oder auch mal ein dickes Fragezeichen füllen. Mit den Eindrücken und Ergebnissen der Workshops werden die Handlungsempfehlungen in den nächsten Wochen und Monaten von den beiden Arbeitsgruppen weiter bearbeitet.

Nach der Bildungskonferenz geht die Arbeit weiter

Die Wirkung von Bildungsberichten auf die bildungspolitischen Diskussionen in der Kommune tritt in den seltensten Fällen automatisch und ohne Zutun engagierter Akteure ein. Vielmehr muss der Bildungsbericht aktiv in die Diskussion gebracht werden. Dazu braucht es einen Plan, was genau mit dem Bildungsbericht erreicht werden soll und Ressourcen, um den Plan in die Tat umzusetzen. In Jena wird dieser Prozess maßgeblich durch das Team von „Bildung integriert“ organisatorisch, redaktionell und inhaltlich begleitet. Am Ende werden die gründlich diskutierten Handlungsempfehlungen dem Stadtrat zur Abstimmung vorgelegt. Und dann ist sie fast fertig, die Brücke vom Bildungsmonitoring zu den bildungspolitischen Entscheidungsprozessen. Und der Bildungsbericht muss hoffentlich nur noch in akuten Notfällen als Briefbeschwerer herhalten. 


Text: Michael Brock, TransMit