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Transferagentur Mitteldeutschland für Kommunales Bildungsmanagement – TransMit

04.05.2020

Im Landkreis Altenburger Land startet der „Fliegende Salon“

Unter Federführung der Landkreisverwaltung ist im Altenburger Land das Projekt „Fliegender Salon“ mit Mitteln der Kulturstiftung des Bundes angelaufen. Die etablierten Kultureinrichtungen des Landkreises unterstützen hier Gemeinden und Vereine, um die kulturelle Infrastruktur des ländlichen Raums zu stärken.

Theater, Museen, Konzerthäuser: Solche etablierten Stätten der kulturellen Bildung finden sich vor allem in urbanen Zentren. Mit hauptamtlichem Personal ausgestattet und zu großen Teilen kommunal unterhalten, können sie verlässlich künstlerische und kulturelle Angebote gestalten und umsetzen. Abseits der Städte sind es meist lokale Initiativen und Vereine, die Räume für Kulturschaffende bieten.

Kunst- und Kulturarbeit in ländlichen Regionen gelten als wichtige Triebfedern, wenn es darum geht, regionale Entwicklungen anzustoßen und die soziokulturelle Teilhabe von Menschen zu stärken. Dabei sind die Voraussetzungen hier oft deutlich schlechter als in den Städten. Nicht nur, dass Initiativen der kulturellen Bildung auf dem Land aufgrund demografischer Entwicklungen und der Abwanderung junger Menschen mit Nachwuchsproblemen kämpfen. Häufig agieren Kunst- und Kulturarbeit hier mit knappen Budgets, sind auf freiwilliges Engagement angewiesen, personenabhängig und stehen so auf wackligen Beinen.

Das Projekt „Fliegender Salon“ im Altenburger Land

Der Landkreis Altenburger Land hat sich vor dem Hintergrund dieser besonderen Herausforderungen der Kulturarbeit im ländlichen Raum auf Gelder aus dem Programm „TRAFO – Modelle für Kultur im Wandel“ der Kulturstiftung des Bundes beworben. Mit Erfolg! Unterstützt durch die Fördermittel sollen die etablierten Kultureinrichtungen des Landkreises und die lokalen Initiativen, Vereine und Organisationen durch gemeinsame Projekte näher zusammenrücken. Ziel ist es, ein Netzwerk zwischen den Orten der kulturellen Bildung im Landkreis aufzubauen und das Bewusstsein für die kulturellen Potenziale zu wecken. Dabei sollen sich auch die großen Einrichtungen stärker gegenüber dem ländlichen Raum öffnen und ihr eigenes Profil verändern. Eine doppelte Transformation also, um attraktive Angebote der kulturellen Bildung in der gesamten Region zu verankern.

Das Projekt trägt den Namen „Fliegender Salon“. Er verweist auf sein historisches Vorbild, die Salonkultur des 19. Jahrhunderts. In den Salons kamen Menschen zusammen, um sich gemeinsam künstlerisch zu betätigen und auszutauschen. Diese historische Plattform wurde in das Hier und Jetzt versetzt. Auch beim Fliegenden Salon steht die gemeinsame künstlerische Arbeit im Mittelpunkt: Zusammen mit Kulturschaffenden entwickeln Bürgerinnen und Bürger des Altenburger Landes kreative Angebote und schaffen Raum für Begegnungen. Die Salonprojekte richten sich nicht nur an einen ausgewählten Kreis von Mitstreitenden. Indem Themen aufgegriffen werden, die die Menschen vor Ort bewegen, werden alle zum Mitmachen und Dabeisein angeregt.

Die großen Kultureinrichtungen des Landkreises sind hierbei wichtige Ansprechpartner und Unterstützer. Sie greifen den Mitmachenden mit Ideen, Arbeitskraft, technischer Ausrüstung und ihrer Erfahrung unter die Arme. So soll auch die Wahrnehmung der Kultureinrichtungen durch die Menschen in der Region verändert werden: Sie sind nicht die unantastbaren Tempel der Kulturproduktion, sondern Einrichtungen, die offen und am Austausch mit den Menschen interessiert sind. Akteure vor Ort sollen so das Selbstbewusstsein finden, neue Wege zu beschreiten und mit ihren Ideen auch auf die etablierten Kultureinrichtungen zuzugehen.

Das Landratsamt als Schaltzentrale des Fliegenden Salons

Initiator des Projekts ist das Landratsamt des Altenburger Landes. Es beauftragte im Frühjahr 2018 das Lindenau Museum mit der Entwicklung einer Projektidee. Unter seiner Federführung und gemeinsam mit dem Theater Altenburg Gera, der Kreismusikschule und dem Museum Burg Posterstein ist das Konzept des Fliegenden Salons entstanden.

Die Schaltzentrale des Projekts befindet sich heute im Landratsamt. Von hier wird alles koordiniert. Luise Krischke vom Fachdienst Wirtschaft, Tourismus und Kultur nimmt die Ideen für Salonprojekte interessierter Gemeinden und Initiativen entgegen. In einer Arbeitsgruppe aus dem Projektteam, dem neben der Projektkoordinatorin jeweils eine Person aus den vier beteiligten Kultureinrichtungen angehört, und Vertreterinnen und Vertretern aus den Gemeinden werden die Ideen zu Konzepten weiterentwickelt. Abschließend wird alles in einen Antrag für die Durchführung eines Salons gegossen.

Ein Projektbeirat begutachtet die von der Arbeitsgruppe und den Gemeinden eingebrachten Projektvorschläge. Dem Beirat steht der Landrat des Altenburger Landes, Uwe Melzer, vor. Ihm gehören außerdem ein Mitglied des Ausschusses für Schule und Kultur des Kreistages an sowie Vertreterinnen und Vertreter der Kultureinrichtungen und eine Bürgermeisterin bzw. ein Bürgermeister aus einer Gemeinde, die bereits einen Salon durchgeführt hat. Den Blick von außen haben u. a. ein Professor für Soziologie und Empirische Sozialforschung an der Hochschule Mittweida, eine Person aus der Staatskanzlei Thüringen und in beratender Funktion die Kulturstiftung des Bundes.

Dem Pilotprojekt in Ponitz folgen Salonbesuche in weiteren Gemeinden

Während die historischen Salons an immer gleichen Orten stattfanden, ist der moderne Salon dynamisch: Er hat keinen festen Platz, sondern „fliegt“ verschiedene Plätze im Landkreis an. Das Pilotprojekt der Salonreihe fand im März 2019 in Ponitz statt. Kulturschaffende des Landkreises erarbeiteten mit Einwohnerinnen und Einwohnern ein vielfältiges Programm, in dem sie ihr Verhältnis zur nahegelegenen sächsischen Grenze auf verschiedene Art thematisierten. Beispielsweise schilderten sie ihre Grenzerfahrungen in filmischen Interviews. Und auch bildungspolitische Themen kamen auf die Tagesordnung: Dass die nahen Schulamtsgrenzen den länderübergreifenden Schulbesuch erschweren und die unterschiedlichen Ferienzeiten in Thüringen und Sachsen den gemeinsamen Freizeitaktivitäten von Schülerinnen und Schülern im Grenzgebiet entgegenstehen, diskutierten Ponitzerinnen und Ponitzer u. a. mit Landrat Uwe Melzer.

Viele weitere Orte haben bereits Ideen entwickelt und sich als Gastgeber beworben. Für 2020 gab es schon drei konkrete Salon-Projekte, die aufgrund der aktuellen Corona-Krise in das nächste Jahr verschoben sind. In Löbichau wird der Fliegende Salon einen Austausch über Identität und Zukunft des Ortes anregen. Eine Sternenfahrt mit dem Zielort Lumpzig thematisiert das Zusammenwachsen der nach der Gemeindereform im Vorjahr auf 44 Ortsteile erweiterten Gemeinde Schmölln. In Meuselwitz wird bei einer Fahrt mit der alten Kohlebahn nach der Zukunft ohne Kohle gefragt.

Projekte kultureller Bildung als Motoren der sozialräumlichen Entwicklung

Die Projekte des Fliegenden Salons fußen auf der Idee der Beteiligung: Kulturschaffende, Bürgerinnen und Bürger, Engagierte aus Vereinen und Initiativen kommen zusammen und eröffnen gemeinsam Räume zum Weiterdenken. Diese Räume ermöglichen den Menschen vor Ort, lokale und gesellschaftliche Themen mit künstlerischen Mitteln zu verhandeln. Das schafft neue Perspektiven, regt Veränderungen an und macht den Menschen ein Angebot der kulturellen und sozialen Teilhabe. Eine Chance nicht nur für die Kulturlandschaft, sondern für das gesamte Altenburger Land.

 

Text: Michael Brock, TransMit