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Transferagentur Mitteldeutschland für Kommunales Bildungsmanagement – TransMit

08.03.2019

Im Interview: Bildungsjournal statt Bildungsbericht

Datenbasierte Berichte und Reports sind klassische Produkte des Kommunalen Bildungsmanagements. In einem Interview mit TransMit erläutern Sylvia Daehn und Marcel Sievers, Bildungsmonitorerin und Bildungsmanager im Landkreis Nordhausen, warum sie sich in ihrer Arbeit nicht für einen allgemeinen Bildungsbericht, sondern für im Umfang deutlich kürzere, themenzentrierte Bildungsjournale entschieden haben. In Abwägung von Bedürfnissen der Zielgruppe, zur Verfügung stehenden Ressourcen und erwartetem Nutzen hätten sich diese Journale im Landkreis als optimale Lösung im Bereich Bildungsmonitoring erwiesen. So werde die kommunale Bildungslandschaft zwar nicht vollumfänglich beleuchtet, allerdings könnten bildungspolitische Herausforderungen auf Grundlage der Dossiers zielgerichtet bearbeitet werden.

Können Sie uns zum Einstieg bitte erklären, was ein „Bildungsjournal“ ist?

Marcel Sievers:  Ein „Bildungsjournal“ ist im Grunde ein Bildungsteilbericht. Diese Journale sind auf ein sehr spezifisches Thema fokussiert. Wir betrachten mit dem „Bildungsjournal“ nicht den Bildungssektor als Ganzes. Stattdessen geht es konkret um einzelne Bildungsthemen, um Handlungsschwerpunkte und Problemfelder, die sich in der Kommune ergeben haben. Das jeweilige Thema wird dann auf vier, fünf oder auch auf sechzig Seiten detaillierter beleuchtet. Schlussendlich geben wir in den Journalen auf Wunsch unserer Verwaltung und der Kommunalpolitik auch Handlungsempfehlungen.

Wie sind Sie denn auf die Idee gekommen, keine globalen Bildungsberichte zu schreiben, sondern Bildungsjournale zu verfassen?

Sylvia Daehn: Das ist letztendlich auch eine Entscheidung der Verwaltungsspitze und unserer Vorgesetzten gewesen. Dort wurden Bildungsjournale favorisiert. Im Landkreis gab es vor „Bildung integriert“ schon zahlreiche umfangreiche Datenreports zu bildungsverwandten Themen – beispielsweise im Bereich Sozialplanung. So wurde auf die Erstellung eines weiteren umfassenden Berichts verzichtet. Zudem sind die Bildungsjournale sehr punktgenau und in Bezug auf die Daten sehr aktuell – aus unserer Sicht ein Vorteil bezüglich der Nutzung durch die Verwaltungsspitze. Wir als Programmpersonal von „Bildung integriert“ möchten unsere Energie vor allem dazu nutzen, reale Verbesserungen im bildungspolitischen Bereich anzustoßen.

Marcel Sievers: Als ehemaliger Mitarbeiter beim Bundesprogramm „Lernen vor Ort“, das in den Jahren 2009 bis 2014 existierte, habe ich zudem erlebt, dass umfangreiche Bildungsberichte oftmals nur wenige Leserinnen und Leser finden, in Bezug auf die Daten schnell veralten und dann unter Umständen in der berüchtigten „Schublade“ verschwinden.

Für wen werden die Bildungsjournale angefertigt?

Marcel Sievers:  Bei uns in erster Linie für den Kreistagsausschuss für Schulen und soziokulturelle Teilhabe, mit dem wir zusammenarbeiten. Und für die Verwaltungspitze.

Zu welchen Themen haben Sie Bildungsjournale verfasst?

Sylvia Daehn: Das wären: „Außensportanlagen“, „Impulse für Schularchitektur im Klassenzimmer“ – ein eher konzeptionell gestaltetes Dokument, „Nutzung von EDV-Technik an Schulen“, „Möglichkeiten der Lehrergewinnung am Beispiel verschiedener Bundesländer“ und das sehr statistisch gehaltene Journal „Schülerentwicklung und Übergänge Grundschule-Gymnasium“. Das alles sind Themen, die im Landkreis eine gewisse Relevanz haben und bei denen die Kommune Handlungsbedarf sieht. Dementsprechend intensiv wurden unsere Journale als Entscheidungsgrundlage genutzt.

Wer gibt den Auftrag zur Erstellung dieser Bildungsjournale?

Sylvia Daehn: Viele Themen sind von der Verwaltungsspitze nachgefragt worden. Das Bildungsjournal zum Thema „Schülerentwicklung und Übergänge“ ist vom Bildung-integriert-Team durch die Datensammlung initiiert worden.

Marcel Sievers: Zu achtzig Prozent ist es so, dass es ein bildungspolitisches Handlungsfeld, aktuelles Thema oder Problemfeld gibt. Und dann erhalten wir von der Haus- oder Abteilungsleitung den Auftrag, das zu untersuchen, es darzustellen bzw. es auszuwerten.

Sind die Berichte öffentlich verfügbar?

Marcel Sievers: Auf unserer Projekt-Internetseite stehen die Themen der Journale, allerdings sind die Inhalte nicht öffentlich einsehbar. Die Berichte dienen der internen Entscheidungsfindung, zeigen Handlungsfelder und -optionen auf. Sie sind eher eine Vorstufe der politischen Debatte als ein allgemeines Instrument der Öffentlichkeitsarbeit. Somit werden die Berichte nur intern genutzt. Wir verschicken sie jedoch nach Rücksprache mit unserer Leitung auf Anfrage. Die Ausschussmitglieder bekommen die Journale zugeschickt.

Als Grundlage für ein „Kommunales Bildungsmanagement“ wird oft ein allgemeiner Bildungsbericht empfohlen. Den gibt es im Landkreis Nordhausen nicht. Wie gehen Sie damit in Zukunft um?

Sylvia Daehn: Wenn es von der Leitung und der Politik nicht gewollt ist, macht es keinen Sinn, einen umfassenden Bildungsbericht zu erstellen. Wir möchten bedarfsorientiert arbeiten.

Marcel Sievers: Über die Bildungsjournale schaffen wir es, an einigen Stellschrauben im kommunalen Bildungsbereich nachhaltig zu drehen. Ich kann während der Programmlaufzeit sicherlich nicht den kompletten Bildungssektor umgestalten. Aber ich kann über das Projekt eine andere Systematik ins Verwaltungshandeln einbringen – nämlich datenbasiert Entscheidungen zu treffen. Und wenn es nur darum geht, in welcher Schule wird wie investiert, welche Schule wird geschlossen, welche bleibt erhalten. Die Bildungsjournale sorgen auch dafür, ein anderes Planungsverständnis zu entwickeln. Ich sehe das an den Reaktionen auf unsere Dossiers. Ich versuche Ausschuss- oder den Kreistagsmitgliedern sowie der Verwaltungsleitung nicht nur ein Endergebnis abzuliefern, sondern aufzuzeigen, wie man Daten aufbereiten, darstellen und eine Kausalitätskette in einer Entscheidungsfindung herbeiführen kann. Und dafür halte ich diese Journale als punktuelle Auswertungsinstrumente für richtig.

Wenn Sie den Auftrag erhalten, ein Bildungsjournal zu erstellen, wie gehen Sie denn dann vor?

Marcel Sievers: Es gibt diese Zweiteilung bei den Journalen. Wir erstellen einerseits inhaltlich-konzeptionelle und andererseits eher statistische Journale. Bei den statistischen Dossiers fragen wir uns als Team: „Über welche Indikatoren könnte ich diese Themenstellung bearbeiten?“ Unsere Bildungsmonitorerin Frau Daehn recherchiert dann, ob wir an die betreffenden Daten herankommen und wie wir diese darstellen können. Ich als Bildungsmanager verpacke das dann in ein optisch und inhaltlich ansprechendes Format und wir entscheiden, wie wir am besten vorgehen.

Vielen Dank für das Gespräch.

 

Das Interview führte Alexander Lorenz, TransMit.