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Transferagentur Mitteldeutschland für Kommunales Bildungsmanagement – TransMit

09.08.2020

Erfassung familienbildender Angebote im Landkreis Meißen

Die Geburt eines Kindes ist für alle Eltern ein bedeutender Einschnitt. So bringt das Leben mit einem Kind viel Freude, aber auch viele Veränderungen mit sich. Plötzlich sehen sich Sorgeberechtigte mit zahlreichen Anforderungen und Fragen konfrontiert, die sich aus der Betreuung und Erziehung des Kindes ergeben. Die Lebensgestaltung der Erziehenden muss sich zwischen beruflichen und familiären Pflichten neu finden. Auch die partnerschaftlichen Rollen verändern sich.

In dieser herausfordernden Lage können Familien auch im Landkreis Meißen auf verschiedene familienbildende Angebote zurückgreifen. Diese bieten Gelegenheit, sich mit Fachleuten und untereinander auszutauschen, sich Anregungen zu holen oder einfach nur in entspannter Atmosphäre mit dem Kind zu basteln und Spaß zu haben. Das sehr vielfältige Spektrum der Familienbildung reicht von Eltern-Kind-Kursen über offene Elterntreffs bis hin zu Erholungsfreizeiten. Alle Angebote zielen darauf ab, die Lebens- und Erziehungskompetenz der Sorgeberechtigten zu stärken, Selbsthilfepotenziale zu fördern und damit nicht zuletzt auch Kindeswohlgefährdungen vorzubeugen.

Die offenen Angebote zur Familienbildung und ergänzende Unterstützungsleistungen freier und öffentlicher Träger haben – ebenso wie Frühe Hilfen und Hilfen zur Erziehung – am Ende ein Ziel: Es muss gelingen, ein konfliktfreies Umfeld für Kinder zu schaffen, in dem sie Liebe, Ermutigung, Konsequenz und Herausforderungen finden, an denen sie wachsen können.

Wie wurden die familienbildenden Angebote erfasst?

Um ein Bild von den Angeboten selbst, aber auch von den verschiedenen Trägern, Zielgruppen, Bildungsanlässen, Bildungsorten oder -prozessen zu erhalten, führte das Bildungsbüro im Januar dieses Jahres eine detaillierte Umfrage unter öffentlichen und freien Trägern der Jugendhilfe und der Freien Wohlfahrtspflege durch. Insgesamt haben sich 36 Träger, verteilt auf alle fünf Planungsregionen des Landkreises, davon 11 Prozent in öffentlicher und 89 Prozent in freier Trägerschaft, beteiligt.

Für die Umfrage wurde ein Fragebogen versandt, der von den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der Träger am PC ausgefüllt und per Mail zurückgeschickt werden konnte. Die überwiegende Verwendung von Ordinalskalen nach dem Schulnotensystem erhöhte zudem die Nutzerfreundlichkeit.

Die Befragung bestand aus insgesamt acht Teilen. Im ersten Teil wurden Angaben zur Trägerschaft (z. B. zu Finanzierungsgrundlagen und zur Anzahl und Qualifizierung der Mitarbeitenden) erbeten. Die Teile zwei bis fünf waren auf die Angebote selbst bezogen, und zwar:

  • auf die Angebotsstruktur und -nutzung (z. B. Art und Auslastung familienbildender Maßnahmen, Bildungsorte, Zielgruppen),
  • auf die Zielgruppenerreichung (z. B. Zugangsmöglichkeiten, mögliche bauliche oder sprachliche Barrieren, Erreichbarkeit mit ÖPNV),
  • auf die Anlässe für Maßnahmen der Familienbildung (z. B. Erziehung, Schule, Pubertät, Partnerschaft, Gesundheit, Religion, soziokulturelle Situation, Gewalt),
  • auf die Vermittlung von Bildungsinhalten (z. B. persönliche oder telefonische Beratung, Internetkontakt, Gruppenveranstaltungen) und
  • auf die bisherige Deckung der Bedarfe (z. B. im Hinblick auf verschiedene Angebotsbereiche oder Anlaufstellen, wie Familienzentren).

Weitere drei Komplexe widmeten sich zudem Fragen:

  • zur Vernetzung und Kooperation der Träger untereinander sowie daraus resultierenden Koordinationsbedarfen,
  • zu Qualifizierungsbedarfen der Träger und
  • zur Qualitätssicherung.

Welche ersten Erkenntnisse gibt es?

Im Rahmen der Auswertung der Untersuchungsergebnisse wurde ein Fokus auf die Fragestellung gelegt, welches Bildungsverständnis für den Bereich der offenen Angebote der Familienbildung formuliert werden kann. Als Grundlage dienten dabei die Kategorien der formellen und informellen Bildungsprozesse bzw. der formalen und non-formalen Bildungssettings, die der zwölfte Kinder- und Jugendbericht aus dem Jahr 2005 zur Beschreibung von Bildungsmodalitäten verwendet.

Es zeigte sich, dass die Familien in ihren aktuellen Lebensphasen besondere Bildungsbedarfe haben, welche im Landkreis Meißen vor allem im Rahmen non-formaler Bildungssettings gedeckt werden. Formale Angebote, wie Schwangerenkonfliktberatungen oder die Informationsübermittlung im Rahmen von Elternabenden an Schulen, bilden hingegen einen deutlich geringeren Anteil ab.

Insgesamt besteht ein höherer Bedarf an formellen Bildungsprozessen, wie z. B. zertifizierten Beratungen und Kursen, als ursprünglich vermutet. So erleben die Angebote der klassischen Familienbildung, Beratung und Unterstützung sowie Familienfreizeiten im Landkreis Meißen eine hohe Auslastung. Zahlreiche informelle Angebote, wie Familiencafé, Oma-Opa-Tag oder gemeinsames Basteln, ergänzen diese Maßnahmen in den Planungsräumen. Zudem laufen – sowohl im Rahmen formaler als auch non-formaler Settings – bei den Teilnehmenden ganz automatisch auch immer vielschichtige informelle Bildungsprozesse ab (vgl. Abb. 1).
 

Die Untersuchung hat weiterhin gezeigt, dass Familienbildung im Landkreis Meißen meist aus ortsabhängigen Präsenzangeboten besteht. Die vor allem non-formalen Settings sind darüber hinaus häufig an institutionelle Kontexte, wie Kita, Hort, Schule, Jugendclub, Familienzentrum oder Mehrgenerationenhaus, gekoppelt. Angebote über Telefon, Internet und Social-Media sind hingegen deutlich unterrepräsentiert (vgl. Abb. 2). Die der Auswertung zugrunde gelegte Hypothese, dass die Orte der Familienbildung und sozialen Interaktion gleichzeitig Bildungsorte sind, bestätigte sich.

Erste Schlussfolgerungen aus der nichtrepräsentativen Umfrage sind, dass die Angebote der Familienbildung im Landkreis Meißen sowohl eine gute Möglichkeit bilden, Sorgeberechtigte zu fördern und zu unterstützen, als auch die Bildungsteilhabe in den Familien zu fördern. Im Hinblick auf das Bildungsgeschehen ist dabei jedoch ein gewisser Grad der Formalisierung erforderlich. Mit Blick auf die gegenwärtige COVID-Krise erscheint es den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern des Bildungsbüros zudem wichtig, dass auch jene Angebote ausgebaut werden, die nicht an Bildungsorte und unmittelbare persönliche Kontakte gebunden sind. Neue, flexible Formate können sich im Zuge der fortschreitenden Digitalisierung entwickeln und dann auch für die Familienbildung genutzt werden.


Text: Tilo Richter, Bildungsbüro/Bildungsmonitoring Landkreis Meißen