Wir bringen Bildung in Form

Transferagentur Mitteldeutschland für Kommunales Bildungsmanagement – TransMit

08.06.2020

Das Potenzial kommunaler Mikrodaten

Die Landeshauptstadt Magdeburg hat im April 2020 den Teilbericht zur frühkindlichen Bildung im Rahmen ihrer Berichterstattung veröffentlicht. Dabei wurde eine innovative Berechnungsmethode aus dem städtischen Projekt „Soziale Arbeit in Kitas“ vorgestellt, um möglichst genaue Sozialdaten der Kinder in einzelnen Kindertageseinrichtungen zu ermitteln und damit Bedarfe abzuleiten. Über die Möglichkeiten des Ansatzes und seine Übertragbarkeit sprach TransMit mit Tobias Krüger aus dem Bildungsmonitoring.

Herr Krüger, warum ist es eigentlich wichtig, sich die soziale Zusammen­setzung von Kitas anzuschauen? Nach dem Gesetz soll doch jedes Kind bestmöglich erzogen, gebildet und betreut werden (§ 22 SGB VIII)?

Lebens- und Bildungschancen hängen von verschiedenen Faktoren ab. Dennoch hat der sozioökonomische Status der Eltern nach wie vor einen zentralen Einfluss darauf, was Kinder und Jugendliche im Lauf ihres Lebens erreichen können. Demzufolge sind vor allem diejenigen Kitas zu unterstützen, in denen mehr als in anderen Einrichtungen Risiken und Folgen sozialer Ungleichheit existieren und auch unterschiedliche pädagogische Herausforderungen zu bewältigen sind.

Nun gibt es die klassischen Sozialräume in der Kinder- und Jugendhilfe­planung. Warum nicht einfach den Sozialraum, in dem die Kita liegt, berücksichtigen?

Dazu muss man zwei Dinge wissen: Zum einen ist es sinnvoll, sich nicht nur den Sozialraum um die Kita, sondern auch die soziale Zusammensetzung der Einrichtung hinsichtlich des Wohnortes der Kinder und des sozioökonomischen Status ihrer Eltern anzuschauen. Gerade bei freien Einzugsbereichen. Denn wir wissen etwa von Kersting und Groos (2019), dass der Einfluss der Einrichtung wesentlich größer ist als der Einfluss des sie umgebenden Sozialraums.

Zum anderen ist der gesamtstädtische Unterschied auf Ebene der Sozialräume nicht so stark ausgeprägt wie in anderen vergleichbaren Städten. Würde man nur die Sozialräume vergleichen, käme es zu einem Nivellierungseffekt, der die Auswertung erschwert. Betrachtet man aber die kleinräumigeren Ebenen darunter, etwa Statistische Bezirke, Stadtviertel, Rasterdaten oder gar Einrichtungsdaten, dann zeigen sich deutliche Segregationseffekte.

Die Landeshauptstadt Magdeburg hat dabei ein neues Verfahren, die sogenannte Kerndichteschätzung angewendet. Können Sie uns mit der gebotenen Einfachheit erklären, was Sie konkret gemacht haben?

Die Kerndichteschätzung ermöglicht es, die Sozialdaten viel genauer zu schätzen, als es das klassische Verfahren bislang konnte. Statt der punktgenauen Daten, wie zum Beispiel der Meldeadresse einer Person in Hartz-IV-Bezug, die man einer Wohnadresse oder einem Baublock zuordnen könnte, liegen ja meist nur auf unterschiedlichen räumlichen Ebenen aggregierte Daten vor. Die Beobachtungen werden nicht an der Stelle gemacht, an der sie tatsächlich auftreten. Viele Sozialdaten sind folglich mit einem Mess- bzw. Rundungsfehler behaftet, da nur noch eine Zuordnung zur räumlichen Aggregatseinheit, etwa dem Statistischen Bezirk oder dem Agenturbezirk, berichtet wird.

Mit dem durch das Amt für Statistik, Wahlen und Demografische Stadtentwicklung eingesetzten Modell der Kerndichteschätzung konnten wir aus den Daten, die auf Ebene von statistischen Vierteln vorlagen, genauere Punktdaten schätzen und somit eine kleinräumige „Heatmap“ erstellen.

Nun hatten Sie dadurch viel genauere Sozialdaten. Was passierte dann? 

Hier setzt ein zweiter wesentlicher Schritt an: Können wir nun die Kitas tatsächlich wohnortbezogen einschätzen? Und lässt sich dies datenschutzrechtlich bewerkstelligen? In enger Zusammenarbeit zwischen dem Bildungsbüro, dem Team Kita des Jugendamtes und dem Amt für Statistik wurden schließlich die mit Hilfe der Kerndichteschätzung ermittelten Sozialdaten in Beziehung zur Wahrscheinlichkeit gesetzt, dass an dieser Stelle ein Kind der jeweiligen Einrichtung wohnt. Damit konnten wir einen dem tatsächlichen Einzugsgebiet der Einrichtung entsprechend gewichteten Gesamtwert ermitteln.

Methodische Schritte:

  1. Kerndichteschätzung
    Kleinräumige Ermittlung der Sozialdaten
  2. Wohnortermittlung
    Datenschutzkonforme Ermittlung des Wohnortes der Kita-Kinder
  3. Statistische Verknüpfung
    Verbindung der Sozialdaten mit Wohnort
  4. Bewertung
    Ermittlung eines Gesamtwertes zur sozialen Zusammensetzung
  5. Priorisierung
    Erstellung einer Prioritätenliste etwa für Kita-Sozialarbeit

Die Erhebung und Auswertung erfolgte datenschutzkonform unter Verwendung anonymisierter bzw. pseudonymisierter Daten.

Welche Ergebnisse hat das Projekt bislang geliefert? Was hat sich verändert?

Die Methodik wurde im Projekt „Soziale Arbeit in Kitas“ getestet. Das Projekt des Jugendamtes bietet die Möglichkeit, ab dem Jahr 2020 lebenslagenbedingte Risiken des Aufwachsens und der Entwicklung von Kindern in Folge sozialer Ungleichheit und Benachteiligung zu minimieren. Die Stadt kann nun die Herausforderungen der Kitas besser abbilden und damit Bedarfe konkreter ableiten. Die Ergebnisse des Projektes werden fortlaufend evaluiert.

Wie hoch ist der Aufwand? Und was braucht es dafür an Daten?

Die erstmalige Durchführung ist zeitlich und methodisch schon mit einem hohen Aufwand verbunden. Das hiesige Amt für Statistik hat in den letzten Jahren seine Kompetenz entsprechend gezielt auf- und ausgebaut, um die Kerndichteschätzung anwendungsorientiert einsetzen zu können. Das jeweilige Modell richtet sich sehr stark nach den zur Verfügung stehenden Daten.

Die Landeshauptstadt Magdeburg musste in einem ersten Schritt die Punktdaten schätzen, da einige Sozialdaten nur auf Ebene der statistischen Viertel vorlagen. Ist eine Kommune zum Beispiel Optionskommune der Bundesagentur für Arbeit und hat damit einen besseren Zugriff auf andere Einzeldaten, kann die Kerndichteschätzung gleich auf diesen Daten angewendet werden. Verschiedene freie Tools, wie die Statistikanwendung R oder auch das Geografische Informationssystem QGIS bieten verschiedene Pakete und Prozeduren für die Kerndichteschätzung an.

Magdeburg hat eine abgeschottete Statistikstelle. Wie könnte ein Landkreis vorgehen, in dem eine solche Möglichkeit nicht gegeben ist?

Soweit vorhanden, empfiehlt sich immer eine Abstimmung mit dem kommunalen Statistikamt. Wenn dieses nicht vorhanden ist, könnte auch über eine Kooperation mit dem jeweiligen statistischen Landesamt nachgedacht werden.

Ein Landkreis kann die soziale Situation der dort lebenden Menschen auch auf Grundlage seiner Gemeinde- oder Ortsteildaten beurteilen. Ebenso liegen Daten zum Beispiel in Bezug auf den Erlass von Elternbeiträgen oder auf die Ergebnisse von Schuleingangsuntersuchungen vor, die ebenso zur Einschätzung der jeweiligen sozialen Situation der Einrichtung oder der Gemeinde bzw. des Ortsteils genutzt werden können.

Sie haben Kitas in den Fokus genommen. Kann das Verfahren auch über Kitas hinaus verwendet werden? Ich denke etwa an die Kindertagespflege?

Grundsätzlich kann das Verfahren auch auf andere Institutionen ausgeweitet werden. Bei der Kindertagespflege sind die Gruppen aber vermutlich so klein, dass man über einen Generalitätsschluss Aussagen über jedes einzelne Kind treffen würde und deshalb wäre es aus meiner Sicht nicht datenschutzkonform.

Wer jetzt mehr zur Methode erfahren möchte, wo kann man sich weiter vertiefen?

Zum einen berichten wir in unserem Teilbericht zur frühkindlichen Bildung ausführlich über unsere Vorgehensweise und verweisen dort auf die entsprechende Literatur. Darüber hinaus empfehlen wir den Werkstattbericht von Anne Seehase aus dem Amt für Statistik zur Kerndichteschätzung.

Das Interview mit Tobias Krüger führte Oliver Wolff, TransMit.

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