Online-Bildungswerkstatt: „Wer? Wie? Wozu? – Kultur vernetzt gedacht. Der Jour Fixe Kulturelle Bildung der Stadt Leipzig“

Kultureinrichtungen wie Museen, Theater und soziokulturelle Zentren sind Träger kultureller Bildung vor Ort. Will man die Angebote im Sinne einer Bildungslandschaft aufeinander abgestimmt gestalten, eignen sich Netzwerke, in denen die Akteure miteinander arbeiten. In unserer Online-Bildungswerkstatt am 3. Dezember gab Wiebke Pranz, Mitarbeiterin des Kulturamtes und Koordinatorin des Jour Fixe Kulturelle Bildung in Leipzig, einen Einblick in die Praxis eines solchen städtischen Netzwerkes.

Bereits im Vorfeld vernetzen sich die 21 Teilnehmenden, indem sie sich auf einer virtuellen Pinnwand vorstellen. Zur Veranstaltung treffen Mitarbeiterinnen aus Kultureinrichtungen auf den Teilnehmerkreis aus dem Bildungsmanagement in den Verwaltungen. Beide Gruppen verbindet ihre koordinierende Tätigkeit in Sachen Bildung oder Kultur sowie ein weites Verständnis, wen und was sie zur kulturellen Bildung zählen. Von Akrobatik, freien Künstlerinnen und Künstlern, Graffiti-Vereinen über Museen, Unternehmenskultur bis zum Zirkus reicht die satte Palette von Akteuren, Orten und Einrichtungen, die auf die Online-Veranstaltung einstimmt.

Input: Jour Fixe Kulturelle Bildung in Leipzig

Das Praxisbeispiel aus Leipzig bildet den Hauptteil. Wiebke Pranz, Mitarbeiterin des Kulturamtes und Koordinatorin des Jour Fixe Kulturelle Bildung, stellt die Arbeitsweise des Netzwerks vor und erläutert dessen Instrumente und Ergebnisse. 

Zuvor hat sie eine Präsentation mit Fotos vorbereitet, die einen Überblick darüber geben, was kulturelle Bildung alles vermag: künstlerisches Wissen und Können vermitteln, um selbst kreativ tätig zu werden, die Persönlichkeit entwickeln, gesellschaftliche Integration und Teilhabe ermöglichen. Kulturelle Bildungsangebote haben keine Altersbegrenzung und sollen Spaß machen.

Im Jour Fixe treffen sich unter der Leitung des Kulturamtes seit 2009 ca. 35 Kultureinrichtungen der Stadt. Zunächst kamen die kommunalen Kultureinrichtungen zusammen, mittlerweile sind auch Einrichtungen der freien Szene, der Soziokultur und einzelne Künstlerinnen und Künstler vertreten. Ebenfalls nehmen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Jugendamtes und der Fachämter anlassbezogen teil. Die Mitarbeit im Netzwerk ist freiwillig.

Die Treffen finden jeden zweiten Monat wechselnd in den Räumen einer Mitgliedseinrichtung statt, haben einen thematischen Schwerpunkt und beginnen mit einem Input der Gastgeberin. Welche Themen diskutiert werden, legen die Mitglieder des Netzwerks jährlich gemeinschaftlich fest. Auch wenn die Kulturvermittlerinnen und -vermittler in sehr unterschiedlichen Einrichtungen arbeiten, sind die Fragen vergleichbar, die sie sich stellen: Wie erreichen wir bestimmte Zielgruppen? Wie gestalten wir die Angebote inklusiv und partizipativ? Mit welchen Akteuren sollten wir uns vernetzen, wenn wir Angebote in den Quartieren starten wollen? Externe Referentinnen und Referenten unterstützen dabei, die Themen zu bearbeiten, wenn die Expertise in der Gruppe ergänzt werden kann.

Ordner, Stempelbuch und Kultur Kollaborateure

Die Zusammenarbeit mit Schulen, Horten und Kitas ist den Kultureinrichtungen sehr wichtig, werden dort auch diejenigen Kinder und Jugendlichen erreicht, die nicht von allein darauf kommen, einen Theaterkurs zu besuchen oder im Chor zu singen. Deshalb entstand ein „Ordner Kulturelle Bildung“ mit 100 Kultureinrichtungen, die ihre Angebote gegenüber Schulen für Kinder- und Jugendliche transparent machen. Ebenso verteilt das Kulturamt ein Stempelbuch für Vorschulkinder, das 30 Angebote umfasst, die darauf warten, besucht und abgestempelt zu werden. Das städtische Förderprogramm „Kultur Kollaborateure!“ entstand ebenfalls aus dem Netzwerk heraus.

Die Stadt Leipzig setzt dieses Programm mit Fördermitteln des Sächsischen Staatsministeriums für Wissenschaft, Kultur und Tourismus um und ermöglicht damit Schulen, Horten und Kitas längerfristige Kooperationsprojekte mit Einzelkünstlerinnen und -künstlern verschiedener Sparten oder Kulturinstitutionen einzugehen. Damit unterstützt die Stadt die Weiterentwicklung von Bildungseinrichtungen zu Kulturorten.

Für Wiebke Pranz bedeutet das Netzwerk die Vielfalt der Kultureinrichtungen der Stadt sichtbar zu machen und zu vernetzen; außerdem festzustellen, wo Herausforderungen und Entwicklungsbedarfe bestehen und an welchen Stellen die Stadt unterstützen kann. Der Jour Fixe fördert Bedarfe und Potentiale zu Tage, setzt Impulse für städtische Programme und Instrumente. Auch für die Mitglieder des Netzwerks lohnt sich der Austausch sehr: Die Akteurinnen und Akteure in den Einrichtungen sind über den Jour Fixe Kulturelle Bildung in ein kommunales Netzwerk eingebunden. Sie informieren und beraten einander kollegial, lernen neue Sichtweisen und Methoden kennen, richten ihre Formate aufeinander aus oder starten gemeinsame Projekte.

Nachfragen

Die Rückfragen auf den Input kommen direkt. Die vorliegenden Produkte, der Ordner Kulturelle Bildung und das Stempelbuch wecken das Interesse der Teilnehmenden. Die erste Frage: Wie kommen der Ordner an die Schulen und das Stempelbuch in die Kitas? Tatsächlich erhielten alle Leipziger Schulen den Ordner, jedoch gerät dieser in Vergessenheit, wenn nicht in Abständen daran erinnert wird. Das geschieht auf Veranstaltungen und im Newsletter. Ebenfalls erhielten alle Kitas das Stempelbuch mit der Möglichkeit nachzubestellen. Einige Kitas machen davon Gebrauch. Hier gilt es nachzusteuern und an die Instrumente des Netzwerks kontinuierlich zu erinnern.

Eine Teilnehmerin ergänzt, dass die Broschüre „Kultur im Quadrat. Angebote kultureller Bildung für Schulen im Land Brandenburg“ nicht pauschal an alle Schule versendet wird, sondern im Rahmen von Veranstaltungen an ausgewählte Akteure, die mit formalen Bildungseinrichtungen zusammenarbeiten, verteilt sowie zum Download als PDF-Datei angeboten wird. Um die Instrumente zu verbreiten und die Nutzung sicherzustellen, ist der direkte Kontakt mit den Akteuren wesentlich, bekräftigt auch Wiebke Pranz.

Eine weitere Nachfrage zielt auf die Wirkung des Stempelbuches: ob es dafür sorge, dass Eltern von Vorschulkindern die kulturellen Angebote auch tatsächlich stärker nutzten. Leider lassen sich solche wünschenswerten Wirkungen nicht belegen. Dafür wäre eine Evaluation nötig, gibt die Referentin zu bedenken. Worüber sie Auskunft geben kann, ist die Nutzung in den Kitas. Die Stempelbücher werden je nach Standort rege genutzt. Das lässt sich anhand der ausgegebenen Stempel nachweisen. Die Vorschulkinder nehmen das Heft mit nach Hause und benutzen es in der Grundschule weiter. Darauf reagieren die Partner im Netzwerk und laden bspw. zur nächsten Museumsnacht Erst- und Zweitklässler mit ihren Eltern zu neuen Aktivitäten ein.

Gegenseitige Empfehlungen - Beispiele aus den Regionen

Wie kommen Angebote kultureller Bildung in ländliche Gegenden? Diese Frage beantwortet die Koordinatorin der Plattform Kulturelle Bildung Brandenburg. Sie beobachtet, dass sich im Umland von Berlin verstärkt Künstlerinnen und Künstler niederlassen. Daraus resultieren mehr Kulturangebote und Angebote im Zusammenspiel mit Schulen, weil die Akteure im Netzwerk mitarbeiten.

Über die Plattform werden Fördermöglichkeiten für Bildungsangebote aufgezeigt, die wiederum von öffentlichen Bildungsinstitutionen kostengünstig gebucht werden können. Kulturelle Bildung in Brandenburg zeigt sich so auch in mobilen Angeboten. Das „Wunderkammerschiff“, ein Museumsschiff, welches die Elbe und Havel entlang schippert, legt an verschiedenen Orten an und bietet für Schulen Programme. So können sich bspw. junge Leute zum Museumsguide ausbilden lassen. Zudem gibt es das „Traumschüff“, das an kleinen Orten an der Havel Halt macht und die Anwohnerinnen und Anwohner zu partizipativen Aktionen und Theateraufführungen einlädt.

Die Leiterin der Servicestelle „Kultur macht stark“ in Sachsen weist darauf hin, dass Fördergelder über das BMBF-Programm für Projekte bereitstehen, die sich an Bildungsbenachteiligte richten. Voraussetzung ist, dass drei Partner, bspw. aus den Bereichen der Bildungs-, Sozial- und Kulturarbeit kooperieren.

Die Zeit der Veranstaltung neigt sich dem Ende. Ein letzter Hinweis auf ein Projekt kommt aus Magdeburg. Die „KULTURschultüte“ gründet auf einem Stadtratsbeschluss aus dem Jahr 2007. Sie unterstützt alle Schulkinder in Magdeburg und angrenzenden Gemeinden beim Eintritt in die Grundschule mit Gutscheinen für kulturelle Angebote in der Landeshauptstadt. Der Verein Magdeburgische Gesellschaft von 1990 e.V. bietet die Aktion ehrenamtlich nun bereits zum 14. Mal mit großzügiger Unterstützung von Sponsoren an. Kulturelle Einrichtungen der Stadt, freie Träger, die Magdeburger Verkehrsbetriebe und Sportvereine sind mit dabei.

Die „KULTURschultüte“ erhalten die Schulanfänger direkt von der Schule. Außerdem nutzen die Schulen diese Angebote für ihre Klassenausflüge. Die Magdeburger Verkehrsbetriebe spendieren einen Gutschein für die Fahrt zu einem kulturellen Angebot. Und wieviel kostet das? Mit einer Gesamtsumme von ca. 388.000 Euro kommen etwa 110 Euro in jede Tüte – finanziert von den teilnehmenden Sponsoren.

Was ist offengeblieben?

Die Runde der Projektempfehlungen scheint gerade eröffnet, da müssen wir sie auch schon beenden, weil die Zeit der Online-Veranstaltung abläuft. Das Programm ist zu dicht gepackt, so dass der geplante Austausch über Erfahrungen in der Netzwerkkoordination leider auf der Strecke bleibt. Wie gestaltet man die Rolle der Koordination, dass sie dem Arbeitskreis gerecht wird? Ebenfalls wird uns in den nächsten Monaten die virtuelle und digitale Netzwerkarbeit beschäftigen. Welche Verfahren, Rahmenbedingungen, technischen Tools und Methoden haben sich als hilfreich erwiesen?

Wiebke Pranz gibt uns ihre Tipps für die Koordinierung mit auf den Weg: „Im Netzwerk ist oft vielfältige Expertise zu vielen Themen vorhanden, diese sollten Sie als erstes nutzen, bevor Sie externe Experten einladen. Halten Sie die Themen offen und gestalten Sie die Inhalte gemeinsam. Sorgen Sie für eine offene Atmosphäre, die es ermöglicht, auch über Misserfolge und Fehler zu sprechen, denn daraus lernt man am meisten. Eine gute Mischung aus Akteuren verschiedener Einrichtungen bringt neue Impulse aufgrund diverser Perspektiven und lässt das Netzwerk nicht im eigenen Saft schmoren.“

Da ist noch Musike drin! Mit diesem Ausblick verabschieden wir uns voneinander in die Adventszeit und verabreden uns für eine Fortsetzung im neuen Jahr. 

Text: Ulrike Richter, TransMit


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Wie gestaltet Kommune Lebenswelten? Dieser Frage wollten wir auf unserem coronabedingt ausgesetzten Fachtag „Wir sind die Ermöglicher. Wie Kommunen Lernwelten eröffnen“ im März nachgehen. Die Sessions unseres geplanten Fachtages möchten wir Ihnen nun in einem digitalen Format gebündelt auf einer eigenen Themenseite  präsentieren. Zum Start der Themenseite, die Ihnen interessante Projekte der non-formalen Bildung vorstellt, laden wir Sie ein, das Netzwerk „Jour Fixe Kulturelle Bildung“ der Stadt Leipzig kennen zu lernen.

Kulturelle Einrichtungen wie Museen, Theater und soziokulturelle Zentren bereichern die Bildung vor Ort. Will man diese Angebote transparent und im Sinne einer Bildungslandschaft aufeinander abgestimmt gestalten, eignen sich Netzwerke, in denen die Akteure miteinander arbeiten. Hier lassen sich Konzepte austauschen, Strategien entwickeln und das zukünftige Miteinander festschreiben.

Der „Jour Fixe Kulturelle Bildung“ in Leipzig, den wir Ihnen in unserer Online-Bildungswerkstatt vorstellen wollen, ist ein solches Netzwerk. Unter der Leitung des Kulturamtes kommen hier die Kultureinrichtungen der Stadt zusammen. 2009 zum gegenseitigen Kennenlernen und Vernetzen gegründet, dient der Jour Fixe heute als Austauschforum zu unterschiedlichen pädagogischen Ansätzen und Methoden, aber auch Ideenplattform für Projekte, die die Akteure gemeinsam nach vorne bringen.

In unserer Online-Bildungswerkstatt stellt Ihnen Wiebke Pranz, die Koordinatorin des „Jour Fixe Kulturelle Bildung“, die Ziele und die Arbeitsweise des Netzwerks vor. Sie sind dazu mit Ihren Kommentaren und Fragen herzlich willkommen!

Zielgruppe

Die Online-Bildungswerkstatt richtet sich an Verwaltungsmitarbeitende mitteldeutscher Landkreise und kreisangehöriger Städte und Gemeinden in den Bereichen Bildungsmanagement und Integration Neuzugewanderter. Besonders heißen wir Mitarbeiter/innen und Leiter/innen bildungsrelevanter Ämter und Sachgebiete wie Kulturamt, Jugendamt, Sozialamt, Schulamt oder Sportamt sowie Bildungsakteure aus den lokalen Netzwerken herzlich wiillkommen.

Termin

Donnerstag, 3. Dezember 2020, 10:00 Uhr - 11:30 Uhr

Programm

  • 09:30 Uhr Technik-Check: Einwählen und Ankommen
  • 10:00 Uhr Begrüßung
  • 10:15 Uhr Input, Gespräch und Diskussion zum Netzwerk „Jour Fixe Kulturelle Bildung“ mit Wiebke Pranz, Koordinatorin des „Jour Fixe Kulturelle Bildung“ der Stadt Leipzig
  • 11:30 Uhr Ende der Veranstaltung

Moderation

Ulrike Richter und das Team von TransMit