Wir bringen Bildung in Form

Transferagentur Mitteldeutschland für Kommunales Bildungsmanagement – TransMit

06.11.2019

Wenn Bildung den Takt vorgibt – ein neuer Fahrplan für Schmalkalden-Meiningen

Wer sich auf dem Land bilden möchte, muss längere Wege in Kauf nehmen als in der Stadt. Das betrifft nicht nur die Fahrten zur Schule und Ausbildung, auch non-formale Bildungsangebote liegen für die Wenigsten um die Ecke. Der Thüringer Landkreis Schmalkalden-Meiningen möchte seine Bildungsangebote allen im Kreis lebenden Menschen zugänglich machen. Dabei setzen die Verantwortlichen auf den ÖPNV und einen neuen integralen Taktfahrplan, der in einem partizipativen Prozess durch den Kreistag auf den Weg gebracht wurde. Manfred Heurich, Vorsitzender des Ausschusses für Bildung, Kultur und Sport, berichtet im Interview über die Hintergründe.

Herr Heurich, warum müssen Bildung und ÖPNV zusammengedacht werden?

Heurich: Viele Jugendliche und junge Erwachsene verlassen unseren ländlich geprägten Kreis für eine Ausbildung oder ein Studium. Später, wenn die Familienplanung in den Blick gerät, orientieren sich die Menschen neben dem Arbeitsplatzangebot vor allem an der Verfügbarkeit attraktiver Bildungsmöglichkeiten und einer guten Verkehrsanbindung an die Grund-, Mittel- und Oberzentren. Wenn wir diese und andere Personen im Landkreis halten wollen, müssen wir unsere Bildungslandschaft kontinuierlich verbessern und dafür sorgen, dass die vorhandenen Möglichkeiten auch genutzt werden können.

Die über 200 Millionen Euro, die der Kreis seit 1996 in die Bildungseinrichtungen investiert hat, spiegeln sich heute in einer vielfältigen und modernen Bildungslandschaft wider. Die Angebote konzentrieren sich jedoch vorrangig auf die größeren Städte Schmalkalden, Meiningen und Zella-Mehlis. Sie sind zwar relativ zentral über den Landkreis verteilt, können aber in der Regel nur von den Personen genutzt werden, die in der Nähe der Städte wohnen. Menschen in abgelegenen Orten und kleineren Dörfern ohne Zuganbindung sind auf einen eigenen PKW angewiesen oder müssen lange Fahrzeiten und mehrmaliges Umsteigen zwischen Bus und Bahn in Kauf nehmen.

Auch vor diesem Hintergrund haben wir uns in der vergangenen Legislaturperiode (2014-2019) das Ziel gesetzt, die Erreichbarkeit von Bildungsangeboten zu verbessern. Die Modernisierung des ÖPNV stand deshalb im Kreistag und dem Ausschuss für Bildung, Kultur und Sport permanent auf der Agenda.

Was haben Sie auf den Weg gebracht?

Heurich: Der Nahverkehrsplan 2017-2021 wurde am 15.12.2016 im Kreistag beschlossen und die stufenweise Umsetzung ab des Sommer 2018 begonnen. Im Kern besteht er aus einem Integralen Taktfahrplan (ITF) und zentralen Verknüpfungspunkten innerhalb und außerhalb des Landkreises. Die einzelnen Linien werden nicht mehr separat voneinander geplant, sondern aufeinander abgestimmt im Sinne eines flächendeckenden Netzes mit gut ineinandergreifenden Anschlüssen. Der öffentliche Personennahverkehr soll damit nutzerfreundlicher werden und Zielgruppen ansprechen, die bisher nur wenig oder gar nicht mit Bus und Bahn gefahren sind.

Die größte Nutzergruppe des ÖPNV sind die Schülerinnen und Schüler. Sie sind vor dem Hintergrund der Diskussion um Schulstandorte und der Abwanderung junger Familien besonders zu berücksichtigen. Deshalb haben wir unser Hauptaugenmerk auf die Integration des Schülerverkehrs in die neue Verkehrsplanung gelegt. Hierzu gehörte auch, die Schulen von Anfang an in unsere Planung einzubinden, da an einigen Standorten die Zeiten für Schulbeginn und -ende leicht verschoben werden mussten.

Weil wir alle Entscheidungen des Ausschusses auf der Basis von Sachkompetenz treffen wollten, haben wir in neun Kreisbereisungen alle Bildungseinrichtungen des Landkreises aufgesucht. Wir besuchten alle Schulen und Internate, aber auch Sternwarte, Verkehrserziehungs­gärten, Volkshochschulen und weitere Einrichtungen der formalen und non-formalen Bildung. Vor Ort kamen wir dann mit Schulleitungen, Hausmeistern oder Elternvertretungen ins Gespräch, die uns ihre Anregungen und Vorbehalte schilderten. 

Welche Vorteile hat das partizipative Vorgehen?

Heurich: Neben den Bedenken, die uns vor Ort geschildert wurden, erreichten uns viele Briefe und Anfragen. So machte sich z. B. die Elternvertretung einer Regelschule Sorgen über einen erheblich verspäteten Unterrichtsbeginn. In einer vom Ausschuss für Bildung, Kultur und Sport einberufenen Sondersitzung mit Bürgermeisterinnen und Bürgermeistern des Einzugsbereiches, Elternvertreter, der Schulleitung, Fachbereichs-und Fachleiter sowie Verwaltungsmitarbeiter haben wir in einem großen Gesprächsforum letztlich eine für alle Seiten befriedigenden Lösung gefunden.

Diese Art der Kommunikation, bei der Betroffene spüren, ihr Anliegen wird mit Ernsthaftigkeit gehört, verstanden und geprüft, ist in der heutigen Zeit der zunehmenden Polarisierung von großer Bedeutung. Dadurch werden Entscheidungen für die Beteiligten nachvollziehbarer. Zudem helfen uns konstruktive Kritik und Hinweise, getroffene Entscheidungen zu hinterfragen und gegebenenfalls zu korrigieren. Natürlich bedeutet ein solches Vorgehen auch einen höheren Abstimmungsbedarf und damit auch eine Mehrbelastung für die Verwaltung und die beteiligten Verkehrsunternehmen. Mit Blick auf die breite Akzeptanz in der Bevölkerung hat sich der Aufwand aber gelohnt. 

Wie geht es weiter?

Heurich: Bildungsangebote und ÖPNV befinden sich in einem ständigen Wandel und sind deshalb kontinuierlich aufeinander abzustimmen. Der Landkreis verfolgt weiterhin den eingeschlagenen Weg auf Augenhöhe. In regelmäßigen Abständen stimmen wir uns deshalb mit den beteiligten Akteuren der Bildungsträger, Verkehrsunternehmen und Schulen ab.  
Dabei haben wir die Belange der Bildungsträger ebenso im Blick wie die verkehrlichen Aspekte des Landkreises.

Das Interview führte Denis Thürer (TransMit)