Ritterschlag oder Papierkorb –
wie lassen sich etablierte Produkte und Strukturen des Bildungsmanagements bewahren?

Birgit Schuster ist Bildungsmanagerin der thüringischen Landeshauptstadt Erfurt. Die Kommune gehörte zwischen 2009 und 2014 zu den Modellstandorten des Bundesprogramms „Lernen vor Ort“. In unserem Interview gibt die ehemalige Koordinatorin der Bildungsangebote für Neuzugewanderte Hinweise, wie die Verstetigung von etablierten Produkten und Strukturen im Bildungsmanagement gelingen kann. Zudem liefert die Erfurterin einen Überblick über aktuelle Bildungsthemen zwischen Krämerbrücke und Bundesgartenschau.

Birgit Schuster

Bildungsmanagerin der Stadt Erfurt

„Durch das Bildungsmanagement muss ein Mehrwert für die Kommune erzeugt werden, dann ist es nicht einfach vom Tisch zu wischen.“

[Birgit Schuster, Bildungsmanagerin der Stadt Erfurt ]

Frau Schuster, Sie sind seit vielen Jahren in der Stadtverwaltung tätig und als Bildungsmanagerin mit entsprechenden Aufgaben betraut. Erfurt bezeichnet sich selbst gern als „Bildungsstadt“. Was steckt dahinter?

Erfurt hatte das Glück, beim früheren Bundesprogramm „Lernen vor Ort“, das zwischen 2009 und 2014 durchgeführt wurde, vom BMBF als Modellkommune ausgewählt zu werden. Schon vorher spielte Bildung in der Stadt eine wichtige Rolle. Über den massiven Personaleinsatz des Bundesprogramms gelang es, das Thema fachlich angemessen zu betrachten, Strukturen aufzubauen und ihm den nötigen Stellenwert einzuräumen. Davon profitieren wir bis heute.

Das Schlagwort „Bildungsstadt“, das ursprünglich zur Bezeichnung einer Stabsstelle beim Oberbürgermeister verwendet wurde, beinhaltet mehrere Ebenen und ist keine leere Hülle. In Erfurt gibt es eine umfassende Bildungslandschaft für alle Bevölkerungsgruppen, die Kommune bearbeitet aktiv bildungspolitische Herausforderungen und sieht Bildung als ein zentrales Handlungsfeld zur Zukunftssicherung.

Nun endete „Lernen vor Ort“ vor rund sieben Jahren. Was konnte aus dieser Zeit erhalten werden? 

Die Herzstücke wurden dank des umsichtigen Verhaltens des Stadtrats und der Verwaltungsleitungen erhalten. Das sind aus meiner Sicht die personelle untersetzte Verantwortung für das Bildungsmanagement und das Bildungsmonitoring, das externe Steuerungsgremium Bildung sowie der interne Arbeitskreis Bildung – aber auch die Fortführung der Fachtagsreihe zu aktuellen bildungspolitischen Themen.

Sie sprachen von einem Steuerungsgremium Bildung. Erläutern Sie uns doch bitte die Funktion eines solchen Gremiums.

Beim Steuerungsgremium Bildung handelt es sich um den intern und extern besetzten strategischen Lenkungskreis für bildungspolitische Fragen in Erfurt. Hier sitzen die Entscheidungspersonen für Bildung an einem Tisch. Eingebunden sind Oberbürgermeister Andreas Bausewein (SPD), Bildungsbürgermeisterin Anke Hofmann-Domke (Die Linke), Universität und die Fachhochschule Erfurt, Agentur für Arbeit, Jobcenter, Bürgerstiftung, Staatliches Schulamt Mittelthüringen, IHK, HWK, die Stiftung Erfurter Bildungszentrum.

Das Gremium entstand unter „Lernen vor Ort“ und gibt die Richtung im Bereich Bildung vor. Wir profitieren auf der Strategie- und Arbeitsebene sehr von der fachlichen Mischung der Akteure. So sind wir immer nah am Puls der Stadt und bearbeiten keine Themen aus dem Elfenbeinturm.

Und was genau macht der Arbeitskreis Bildung?

Der Arbeitskreis Bildung arbeitet verwaltungsintern. Er soll das Vorhaben unterstützen, Bildung in allen Zuständigkeitsbereichen mitzudenken. In dem Arbeitskreis arbeiten mit: der Referent der Bildungsbürgermeisterin, die Gleichstellungbeauftragte und Vertreterinnen und Vertreter aus dem Amt für Bildung, dem Jugendamt, dem Sozialamt, dem Ordnungsamt, dem Verkehrsamt, dem Liegenschaftsamt, der Naturschutzbehörde und der Nachhaltigkeitsstelle. Außerdem sind die Jugendhilfeplanung, Altenhilfeplanung, Schulnetzplanung, Sozialraumplanung und der Personalrat beteiligt.

Das interne Gremium soll gewährleisten, dass Bildung in allen relevanten Bereichen mitgedacht wird. Aus meiner Sicht klappt das hervorragend. Steuerungsgruppe und Arbeitskreis sind die Grundlagen für das Handeln des Bildungsmanagements. Ansonsten würden wir im luftleeren Raum agieren.

Wie kann man sich das Bildungsmanagement in Erfurt strukturell vorstellen?

Bis zum Jahr 2020 wurde das Bildungsmanagement in der Stabsstelle Bildungsstadt beim Amt für Bildung bzw. der Volkshochschule koordiniert. VHS-Leiter Torsten Hass hat hier mit Rückendeckung durch die jeweilige Bildungsbürgermeisterin enorme Arbeit in Bezug auf das Standing des KBM und die Verfasstheit der Bildungslandschaft in Erfurt geleistet. Seit rund einem Jahr ist das Bildungsmanagement per Oberbürgermeister-Beschluss in die Stabsstelle Projektmanagement im Dezernat 05 für Bildung, Soziales, Gesundheit und Jugend eingegliedert worden.

Das Ziel der Umstrukturierung ist die Erzeugung von Synergieeffekten mit anderen Programmen. Bildungsbürgermeisterin Anke Hofmann-Domke ist meine direkte Vorgesetzte. In der Stabbstelle sind auch das Thüringer Landesprogramm „Solidarisches Zusammenleben der Generationen“ sowie demnächst die Zuständigkeit für das Thema Bildung für Nachhaltige Entwicklung angesiedelt.

Das Bildungsmonitoring ist mittlerweile im Amt für Soziales im Bereich Sozialplanung verortet, um den Sozialstrukturatlas beständig weiterzuentwickeln und Synergien im Bereich Sozial- und Familienplanung zu erzeugen. Neben den Daten des Bildungsmonitorings kann ich natürlich auch auf Daten aus der Schulverwaltung und vom Amt für Bildung zurückgreifen.

Sie haben erwähnt, dass in Erfurt während des Bundesprogramms „Lernen vor Ort“ zahlreiche tragfähige Bildungsmanagement-Strukturen entwickelt werden konnten. Diese existieren bis heute. Was ist der Clou beim Thema Nachhaltigkeit?

Das waren und sind folgende Punkte: Der Wille der Verwaltungsspitze, das Thema Bildung zu stärken. Das kann man als Lippenbekenntnis abtun. Aber bei uns haben die Bildungsbürgermeisterinnen Frau Thierbach und Frau Hofmann-Domke jeden Projektsachbericht persönlich korrigiert! Das ist schon stark und zeigt deren Interesse an dem Thema!

Wichtig war auch die Unterstützung der Strukturen durch „Lernen vor Ort“-Anschlussprogramm Kommunale Koordinierung der Bildungsangebote für Neuzugewanderte. Das hat uns etwas Luft verschafft. Ohne personelle Untersetzung können freiwillige Aufgaben nicht angemessen bearbeitet werden. Unsere Fachtagsreihe „Integration durch Bildung und Beratung“ rückt das Thema Bildung kontinuierlich in den Vordergrund und stärkt das KBM sowie den Stellenwert der zuständigen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Marketing ist fast alles!

Starke Vernetzung ist wichtig! Ich habe Kenntnis und Kontakt zu fast allen entscheidenden Netzwerken der Stadt mit Bildungsbezug. Hier erhält man wichtige Informationen von der Basis. Die Vorstellung bei den Fraktionen des Kommunalparlaments war sicherlich auch ein Puzzlestein auf dem Weg für die Akzeptanz des kommunalen Bildungsmanagements in der Stadt.

Was ist im Bereich Bildungsmanagement nicht verstetigt worden?

Der aus meiner Sicht sehr hilfreiche Bildungskatalog wurde nicht verstetigt. Das war eine Plattform zur Darstellung der Bildungsangebote in Erfurt. Datenschutzrechtliche Bedenken führen zur Auslagerung der Plattform auf externe Server. Die Kosten wurden vom Stadtrat abgelehnt. Aktuell muss man sich seine Bildungsangebote wieder auf verschiedenen Plattformen zusammensuchen.

Die Bildungsberatung hat sich aus Kapazitätsgründen ebenfalls nicht etabliert. Aktuell wird nur noch von den rechtlich zuständigen Institutionen beraten. Ratsuchende können sich aktuell an die VHS wenden, dort findet eine Beratung unter Verwendung des Profilpasses statt.

Für mich ist es nachvollziehbar, dass es nicht alle Strukturen und Produkte zur Verstetigung bringen. Vieles muss erst langfristig erprobt werden, bevor es den Ritterschlag erhält – oder im Papierkorb landet.

Welche aktuellen Baustellen bearbeiten Sie im Bildungsmanagement?

Das sind originär drei Themen:

1. Die Bildungsteilhabe von Frauen mit Migrationsbezug. Hierfür gibt es ein Mentorinnen-Programm, das auch Vorträge und Workshops umfasst. Frauen haben für die Integration von Familien eine Schlüsselposition. Wir müssen sie stärken!

2. Gesellschaftliche Teilhabe von Familien. Wobei hier alle gemeint sind – vom Kind bis zur Oma. Wir haben in Erfurt theoretisch tolle Bildungsangebote für jede Person. Allerdings gibt es bei deren Wahrnehmung verschiedene Hürden. Diese wollen wir in Zusammenarbeit mit dem Thüringer Landesprogramm „Solidarisches Zusammenleben“ abbauen und somit gesellschaftliche Teilhabe von Familien fördern.

3. Inklusion. Hier geht es vor allem um das Zusammenwirken von Integrationsmanagement, Gleichstellungsbeauftragter und Behindertenbeauftragter, um Menschen inklusiv betrachten zu können. Formale Zuständigkeiten verhindern manchmal wirksame Hilfen.

Sie hatten die Fachtagsreihe „Integration durch Bildung und Beratung“ erwähnt, für die Sie als Bildungsmanagerin zuständig sind. Welchen Zweck erfüllt sie?

Das Format wurde ebenfalls unter „Lernen vor Ort“ entwickelt. In der mehr oder weniger regelmäßig durchgeführten Fortbildungsreihe greifen wir aktuelle Bildungsthemen auf und liefern Zuständigen sowie Interessierten Inputs und weiterführende Informationen. Diese Veranstaltungen wurden in der Vergangenheit gut nachgefragt, was uns Mut zur weiteren Umsetzung gibt.

Auch den Marketingeffekt für das Bildungsmanagement darf man nicht unterschätzen. In den Veranstaltungen wird das Thema greifbarer. Das nächste Format wird sich beispielsweise mit dem Mentorinnen-Programm für zugewanderte Frauen beschäftigen. Hierbei geht es dann konkret um Beratungssettings, Interkulturalität, Konfliktmanagement und die Rolle von Kunst für die Integration.

In Erfurt fand im Frühjahr 2020 die Bildungskonferenz „Lebenswelten, Arbeitswelten, Bildungswelten“ statt. War sie ein Erfolg?

Ja, das kann man ganz klar sagen! Die Bildungskonferenz 2020 wurde von Mitgliedern des Steuerungsgremiums mitgestaltet. Jedes Mitglied hatte die Schirmherrschaft über einen Workshop. Die Bildungskonferenz baute auf der Fachtagsreihe „Integration durch Bildung und Beratung“ auf und setzte sie als inklusives Querschnittsthema fort. Nähere Informationen zur Bildungskonferenz 2020 finden Interessierte im Internet.

Was geben Sie den Leserinnen und Lesern in Bezug auf die Verstetigung von Programmstrukturen mit auf den Weg? 

Wie ich bereits erwähnt habe, sind gute interne und externe Vernetzung das A und O. Durch das Bildungsmanagement muss ein Mehrwert für die Kommune erzeugt werden, dann ist es nicht einfach vom Tisch zu wischen. Das politische Klima in einer Kommune kann man sich nicht aussuchen – aber man sollte zumindest mit den relevanten politischen Entscheidern im Gespräch sein. Und ein bisschen Werbung in eigener Sache ist auch nie verkehrt.

 

 

„Das politische Klima in einer Kommune kann man sich nicht aussuchen – aber man sollte zumindest mit den relevanten politischen Entscheidern im Gespräch sein.“

[Birgit Schuster, Bildungsmanagerin der Stadt Erfurt]

Kontakt

Das Interview führte Alexander Lorenz, Kommunalberatung Thüringen.

Tel.: 0341-993923 11 E-Mail: lorenz@dji.de

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