Wir bringen Bildung in Form

Transferagentur Mitteldeutschland für Kommunales Bildungsmanagement – TransMit

24.01.2019

Landkreis Harz auf dem Weg zur Bildungsstrategie

Am 16. Oktober 2018 trafen sich die Akteure der Harzer Bildungslandschaft zur zweiten Bildungskonferenz im Kloster Drübeck. Die Veranstaltung war der Auftakt für eine einheitliche Bildungsstrategie des Landkreises.


"Wir brauchen eine gemeinsame Perspektive!", in seiner Eröffnungsrede bringt Landrat Martin Skiebe die Idee der Veranstaltung auf den Punkt. Heute geht es um eine gemeinsame Vision für die Harzer Bildungslandschaft. Die Bildungskonferenz sei der Auftakt für eine von allen getragene Strategie, wie Bildung im Landkreis zukünftig gestaltet werden soll. "Ein gutes Stück haben wir erfolgreich zurückgelegt, jetzt kommen wir in eine entscheidende Phase", sagt Skiebe. Iris Richter, Bildungsmonitorerin und Teil des Bildungsbüros in Halberstadt, nickt zustimmend aus dem Publikum. Zusammen mit ihrem Kollegen, dem Bildungsmanager Detlef Brozio, hat sie die Veranstaltung über viele Monate vorbereitet und die Bildungsakteure der Region befragt: "Wir wollten wissen, wie die Menschen die Bildungslandschaft heute erleben und in zehn Jahren sehen wollen. Diese Ergebnisse werden wir heute vorstellen, um dann in den Workshops erste Ideen für unsere Bildungsstrategie ableiten zu können."

Warum es sich lohnt

Doch bevor dem Publikum die Ergebnisse präsentiert werden sollten, stand die Frage nach dem "Warum" auf dem Programm: Warum lohnt es sich für eine Kommune, sich dem Thema Bildung zu widmen und die eigene Angebotslandschaft strategisch auszurichten? Götz Ulrich, Landrat im Burgendlandkreis, hatte schlagkräftige Argumente im Gepäck.

Bildung sei die Grundvoraussetzung, um an demokratischen Prozessen teilhaben zu können, sagte Ulrich. "Wer nicht versteht, worüber er entscheiden soll, entscheidet falsch oder gar nicht. Ja, ihm ist die Demokratie vielleicht sogar suspekt." Das gelte vor allem dann, wenn Themen schwieriger werden und man mit einem einfachen Ja oder Nein nicht mehr weiterkommt. Für einen demokratischen Rechtsstaat habe Bildung deshalb eine systemstabilisierende Wirkung, andersherum wirke der Mangel an Bildung destabilisierend. "Das spüren wir gerade in der heutigen Zeit."  

Auf individueller Ebene zahle sich gute Bildung natürlich vor allem auf dem Arbeitsmarkt aus. In der Regel hätten gut ausgebildete Menschen ein durchschnittlich höheres Einkommen. "Personen mit niedrigem Bildungsabschluss haben in all diesen Punkten ungünstigere Voraussetzungen", so Ulrich.  

Dass die Investition in ein Studium mit einer höheren persönlichen Bildungsrendite einhergeht, ist bekannt. Doch wie rechnen sich Bildungsinvestitionen für die Kommune? Die höchsten Renditen ergeben sich aus der Investition in frühkindliche Bildung, sagt Ulrich und verweist auf eine seit 1962 laufende Studie in der "Perry PreSchool" in Michigan/USA, wo Kinder aus einem armen Stadtviertel kostenfrei die Vorschule besuchen durften. 2011 wurde die Studie aus ökonomischer Sicht erneut ausgewertet: Für jeden investierten Dollar wurden 16 Dollar gespart, weil die Kinder besser in der Schule waren, besser bezahlte Arbeit fanden und weniger häufig kriminell wurden, als die Personen, die keine Vorschule besucht hatten. Mit gezielten Investitionen in frühkindliche Bildung, so Ulrich, ließen sich Mittel für dringende Aufgaben freisetzen, die ansonsten in die Finanzierung weiterer sozialer Leistungen fließen müssten.

Für die, die mit diesen Argumenten nicht vollends überzeugt werden konnten, verweist Ulrich abschließend auf die pflichtigen Aufgaben einer Kommune in den Bereichen frühkindliche, schulische und Erwachsenenbildung. Hinzu kämen eine ganze Reihe freiwilliger Aufgaben, denen sich eine Kommune widmen sollte: "Es gibt eine große Zahl von Zuständigkeiten, Aufgaben und Befugnissen, die auf der Ebene des Landkreises angesiedelt sind. Nicht ob, sondern wie wir diese Aufgaben wahrnehmen, muss vor Ort entschieden werden." Hierfür brauche es eine einheitliche Strategie, sagt der Landrat, des Landkreises, der sich zusammen mit unserer Agentur bereits Anfang 2015 auf den Weg zum kommunalen Bildungsmanagement gemacht hat. 

Wünsch Dir was

Zurück zum Harz! Im März 2018 startete das Bildungsbüro einen Aufruf in den Sekundarschulen und Gymnasien im Landkreis. Die Idee: Schülerinnen und Schüler sollten die relevanten Bildungsakteure der Region fragen, wie sie die Bildungslandschaft Harz aktuell erleben und welche Wünsche sie für die Bildung von morgen haben. In einem Schülerprojekt am Gymnasium Martineum in Halberstadt wurden Fragebögen entwickelt, Interviews geführt und die Ergebnisse anschließend zusammengefasst und visualisiert.

Heute, ein halbes Jahr später, drängt sich das Publikum durch den Galerierundgang im Kloster Drübeck. Stolz stehen die Schülerinnen und Schüler vor ihren Plakaten, auf denen sie die Ergebnisse ihrer Befragung zum ersten Mal präsentieren dürfen. Die Themen sind so breit gefächert, wie die Bildungslandschaft selbst: Wirtschaft, Politik, Medien, Religion u. a. m. - es geht um Schulbildung, Bibliotheken, informelle Bildung in der Freizeit oder Angebote für beeinträchtigte und sozial benachteiligte Kinder und Jugendliche. 

Ganz oben auf dem Wunschzettel der befragten Bildungsakteure steht die vor allem an das Land adressierte Frage der Ressourcen. In fast allen Bereichen geht es um zusätzliches gut ausgebildetes Personal und eine technische Ausstattung auf Höhe der Zeit. Für die Schule hieße das z. B. kleinere Klassen mit mehr Praxisbezug, mehr Lehrkräfte in den Bereichen Naturwissenschaften und Sprache sowie E-Learning und Tablets im Unterricht. Die Bedeutung von Bildung für ein selbstbestimmtes Leben soll noch stärker ins öffentliche Bewusstsein gerückt werden, das gelte vor allem für bildungsbenachteiligte Familien. Pfarrer Christian Lontzek wünscht sich darüber hinaus ein Hand-in-Hand mit schulischen und kirchlichen Trägern. Akteure aus Behinderteneinrichtungen machen sich für mehr Akzeptanz beim Thema Inklusion stark. Die Vertreterinnen und Vertreter der Wirtschaft für eine intensivere Berufsorientierung und stärkere Zusammenarbeit zwischen Schule und Wirtschaft.

Auf zur Umsetzung 

Die Wunschzettel sind geschrieben, jetzt geht es an die Umsetzung. Aus den Befragungsergebnissen hat das Team des Bildungsbüros Schwerpunkte herausgearbeitet, die nun in vier parallelen Workshops bearbeitet werden sollen. Wie sehen die zukünftigen Rahmenbedingungen für unsere Bildungslandschaft aus? Wie stellen wir uns die Bildungsübergänge in zehn Jahren vor? Welche Vision haben wir in Bezug auf Transparenz und Zusammenarbeit? Wie kann Bildung gerechter werden? Schnell sind die Fragen mit Zielen untersetzt und erste Ideen zur Umsetzung entwickelt. Diskutiert werden unter anderem regional übergreifende Schülerprojekte, Runde Tische zum Thema Bildung, Kooperationen mit der Wirtschaft und eine stärkere Einbindung des Ehrenamtes. Auf den Moderationskarten stehen: "Stärkenorientierung", "höherer Personalschlüssel", "kostenfreie Angebote für Kinder", "Schulsozialarbeit für alle Schulen" oder "Datenweitergabe erleichtern".

Eilig werden weitere Ideen angepinnt, diskutiert und konkretisiert. Während der Stapel an Moderationskarten abnimmt, gründet sich einige Türen weiter der "Regionale Arbeitskreis Bildung". Das Gremium unter Vorsitz von Landrat Skiebe wird aus den hier gesammelten Vorschlägen ein Strategiepapier mit verbindlichen Verabredungen formulieren. Nach dem Beschluss durch den Kreistag sollen diese als bildungspolitische Leitlinien auf der 3. Bildungskonferenz im November 2019 verabschiedet werden. Für das Team des Bildungsbüros heißt es jetzt: Nach der Bildungskonferenz ist vor der Bildungskonferenz.

Text: Denis Thürer