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Transferagentur Mitteldeutschland für Kommunales Bildungsmanagement – TransMit

17.10.2019

Gehen oder bleiben – was hält die Jugend auf dem Land?

Die Frage, wie junge Menschen in ländlichen Räumen gehalten werden können, beschäftigt viele Kommunen in Mitteldeutschland. Die gute Nachricht ist, dass in den letzten Jahren die Chance auf einen Ausbildungs- und Arbeitsplatz auch in ländlichen Regionen deutlich gestiegen ist. Doch führt dies allein schon dazu, dass junge Menschen vor Ort wohnen bleiben? Oder bleibt das Ausmaß der Abwanderung durch fehlende Qualifizierungs­möglich­keiten und eine eingeschränkte Infrastruktur weiterhin hoch?

Wer geht, wer bleibt?

In der DJI- Studie „Jugend im Blick – Regionale Bewältigung demografischer Entwicklungen“ wurden Gruppendiskussionen mit in ländlichen Räumen aufwachsenden Jugendlichen im Alter von 14 bis 18 Jahren geführt. In Mitteldeutschland fanden Interviews im Landkreis Mansfeld-Südharz (Sachsen-Anhalt), im Vogtlandkreis (Sachsen) und im Kyffhäuserkreis (Thüringen) statt.

Seit ihrer frühen Jugend beschäftigt junge Menschen auf dem Land die Frage, ob sie später in der Region bleiben oder diese verlassen werden. Nach wie vor sind die beruflichen Pläne das zentrale Entscheidungskriterium. Doch auch weitere Aspekte, wie z. B. die soziale Eingebundenheit, der Anspruch an die Freizeitgestaltung, Erreichbarkeiten und das jugendliche Bedürfnis, neue Erfahrungen zu machen, spielen eine nicht zu unterschätzende Rolle.

 

Um die Ergebnisse der Befragung zu veranschaulichen, wurden die insgesamt 60 interviewten Jugendlichen hinsichtlich ihrer Motivationen in fünf Typen eingruppiert: drei, die bleiben, und zwei, die ihrer Heimat zumindest vorläufig den Rücken kehren wollen.

Die Bleibewilligen:

  • Der/die „Aussitzende“, empfindet die eigene Lebensqualität als gering und bezieht diese insbesondere auf die starken Mobilitätseinschränkungen, die sich mit dem 18. Lebensjahr und einem eigenen Auto auflösen würden. Insofern müsse die Jugendzeit lediglich „durchlitten“ werden, danach werde sich die Situation deutlich verbessern und die Lebensqualität so ansteigen, dass man gut in der Region leben könne.
  • Der/die „Angepasste“ hat sich mit den Bedingungen vor Ort arrangiert, identifiziert sich mit der Region und kann sich einen Fortgang nicht vorstellen. Lediglich bei langanhaltender Arbeitslosigkeit wäre dieser Typ bereit, den Wohnort zu verlassen, würde dann aber so nah wie möglich am Heimatort bleiben wollen, etwa in der nächsten (Klein-)Stadt, wenn es dort bessere berufliche Perspektiven gäbe.
  • Der/die „aktive Bleibewillige“ verfügt über einen großen Freundeskreis, nimmt zahlreiche Freizeitangebote wahr und ist zudem ehrenamtlich engagiert. Dieser Typ fühlt sich regional so stark eingebunden, dass er auch lange Pendelzeiten für seinen Beruf in Kauf nehmen würde, um am Wohnort verbleiben zu können. Ein Fortgang wird nur für einen deutlich lukrativeren Arbeitsplatz mit Aufstiegschancen in Erwägung gezogen.

Die Abwanderungswilligen:

  • Der Typus „in Fluchtstellung“ sieht seine Perspektiven vor Ort als sehr gering an, hat auch seine Freizeit bereits auf die (Groß-)Stadt ausgerichtet und sagt, dass er so schnell wie möglich weg will
  • Der/die „sozial aktiv Abwanderungsorientierte“ ist zwar sozial stark eingebunden, möchte aber den Wohnort verlassen, um neue Erfahrungen zu sammeln und ein Studium oder eine Ausbildung in einer Großstadt zu beginnen. Eine Rückkehr ist für einen Teil dieser Gruppe vorstellbar, dann allerdings nicht zurück auf das Dorf, sondern zumindest in die nächste Kleinstadt, wo ein Mindestmaß an kulturellen und infrastrukturellen Angeboten vorhanden ist.

Die eine Jugend auf dem Land gibt es nicht

Die Befragung hat gezeigt, dass sich Jugendliche auf dem Land hinsichtlich ihrer Bedürfnisse und Wahrnehmungen teilweise stark unterscheiden. Fast alle Befragten sagen jedoch, dass sie sich insbesondere hinsichtlich der Themen Freizeitgestaltung, Mobilität sowie Netzanbindung deutlich gegenüber Jugendlichen im städtischen Raum benachteiligt fühlen. Oft fehlt ihnen der Zugang zu wohnortnahen jugendkulturellen Entwicklungsräumen, die für die Bewältigung zentraler Herausforderungen des Jugendalters (z. B. Herausbildung von Identität, Loslösung vom Elternhaus) wichtig sind. Unterstützung erfahren viele durch ihre Familien und persönliche Netzwerke (z. B. Fahrgemeinschaften). Jugendliche aus schwierigen Verhältnissen haben diese Hilfe aus ihrem Umfeld häufig nicht. Sie sind hierdurch zusätzlich benachteiligt.

Haltestrategien sollten nicht erst am Übergang in Ausbildung oder Beruf ansetzen, sondern die gesamte Jugendphase im Blick haben. Es geht darum, die Kommunen jugendgerechter zu machen und dabei die Bedürfnisse aller Jugendlichen zu berücksichtigen – unabhängig von ihrer sozialen Herkunft. Haben die Jugendlichen einen positiven Bezug zur Region, fühlen sich sozial eingebunden und finden jugendkulturelle Angebote vor, dann steigt auch die Wahrscheinlichkeit, dass sie in ländlichen Räumen bleiben wollen.  

Doch auch wenn sich junge Menschen in der Region wohl fühlen, wird ein Teil von ihnen aufgrund fehlender Ausbildungs- und Lebensperspektiven die Region zumindest zeitweise verlassen. Zum Erwachsen- und Selbstständigwerden gehört außerdem, sich aus dem familiären Nahraum zu lösen und sich in anderen Umfeldern auszuprobieren. Daher kann es nicht zielführend sein, das Explorations- und Mobilitätsbedürfnis Jugendlicher zu unterbinden und ihr Weggehen per se zu verhindern.

Eher liegt es nahe, Bindestrategien auf potenziell Verbleibende zu beziehen und ihnen ihre beruflichen Möglichkeiten, z. B. durch Informations- oder Mentoren-Angebote, transparent zu machen. Denn sowohl Jugendliche als auch ihre Eltern als engste Berater in beruflichen Aspekten haben oftmals nur sehr ungenaue Vorstellungen von den Möglichkeiten einer betrieblichen Ausbildung vor Ort.

Eine weitere Zielgruppe für Kommunen sind die Rückkehrwilligen, die noch immer in der Region verwurzelt sind. Diesen Personen sind neben guten Arbeitsperspektiven insbesondere auch ein Mindestmaß an Infrastruktur und familienfreundliche Strukturen wichtig. Von ihrem Rückzug profitieren dann insbesondere die Mittelzentren und deren Umfeld, weil dort diese Anforderungen am ehesten erfüllt werden.   

Der Weg zur jugendgerechten Kommune

Gezielte Haltestrategien müssen aufgrund der strukturellen Besonderheiten vor Ort auf der kommunalen Ebene entwickelt werden. Denn Studien- und Qualifizierungsangebote, Arbeitsmarkt, Verkehrsanbindung oder Tourismus unterscheiden sich von Region zu Region mitunter deutlich und haben großen Einfluss auf die Attraktivität ländlicher Regionen.

Im Rahmen von „Jugend im Blick“ wurden für die Entwicklung von Haltestrategien auf kommunaler Ebene folgende Umsetzungsschritte entwickelt:

  • Bestandsanalyse: Diese umfasst eine datengestützte Analyse zur demografischen Situation sowie zur Lebenswirklichkeit und Beteiligungspraxis Jugendlicher in der Region. Bei fehlenden Informationen bietet sich hier eine Nutzerbefragung an, wie sie z. B. der Saalekreis zu Freizeitverhalten und Jugendarbeit durchgeführt hat.
  • Strategische Zielsetzungen: Vor dem Hintergrund der Bestandsanalyse sollte dann eine Leitbildentwicklung für eine jugendgerechte Kommune erfolgen, unterlegt mit strategischen Zielen. Hier gilt es, verschiedene Akteure, die mit Heranwachsenden zu tun haben, zusammenzubringen und dabei Kinder und Jugendliche selbst mit einzubeziehen. Erfahrungen mit der Partizipation von Jugendlichen wurden z.B. im Kyffhäuserkreis (Thüringen) im Rahmen der Demografiestrategie des Bundes gesammelt. Hierbei wurden von den Jugendlichen nicht nur Bedürfnisse geäußert, sondern bereits Forderungen und Vorschläge für verschiedene Handlungsbereiche entwickelt.
  • Implementierung: Dabei geht es darum, zielführende Maßnahmen und Initiativen konkret zu konzipieren und umzusetzen. Die Rahmenbedingungen einer Implementierung sollten den Jugendlichen zuvor transparent gemacht werden.
  • Monitoring: Idealerweise werden die Entwicklungen in verschiedenen Bereichen regelmäßig datengestützt analysiert.

Die vorherige Beschreibung ähnelt, wenn auch in weniger ausdifferenzierter Weise, den Prozessschritten, die sich für den Aufbau eines Kommunalen Bildungsmanagements als sinnvoll erwiesen haben. Um weitere Sonderplanungen auf kommunaler Ebene zu vermeiden, sondern vielmehr die verschiedenen relevanten Akteure zusammenzubringen, empfiehlt es sich, den zuvor beschriebenen Prozess mit bestehenden Fachplanungen zu verbinden. Eine Zusammenarbeit von u. a. Bildungsmonitoring, Kreisentwicklungsplanung, Schulentwicklungsplanung und Jugendhilfeplanung würde sich als äußerst sinnvoll erweisen. Aufgrund der ausgewiesenen Expertise von Bildungsmanagement und Bildungsmonitoring in der Entwicklung von strategischen Zielen und Maßnahmen könnten diese die Entwicklung einer jugendgerechten Kommune ggf. unter eigener Federführung voranbringen oder zumindest maßgeblich zum Gelingen eines solchen Prozesses beitragen.

Text: Sarah Beierle