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Transferagentur Mitteldeutschland für Kommunales Bildungsmanagement – TransMit

02.09.2016

Im Interview: Bildungsmonitoring in der Stadt Leipzig

"Nichts ist von Anfang an perfekt!" Dass dies kein Hinderungsgrund für ein erfolgreiches Bildungsmonitoring ist, berichtet Mario Bischof, Bildungsmonitorer der Stadt Leipzig, im Interview.

Welche Aufgaben übernimmt das Bildungsmonitoring in der Stadt Leipzig?

Tatsächlich hat das Bildungsmonitoring in Leipzig die klassische Aufgabe, steuerungsrelevante Daten bereitzustellen. Das machen wir mit einem kontinuierlichen Bildungsmonitoringprozess, in dem unser Bildungsreport das Flaggschiff ist. Der erscheint alle zwei Jahre und versucht, den kompletten Lebenslauf abzudecken. Er umfasst sowohl die Rahmenbedingungen Demographie, Altersstruktur und Soziales als auch den frühkindlichen Bereich, schulische Bildung, berufliche Ausbildung und Hochschule. Außerdem versuchen wir auch im Bereich Weiterbildung und non-formal möglichst viel zu erfassen. An dieser Stelle wird es aber mit der Datenlage ein bisschen komplizierter. Das Beantworten von Ad-hoc-Anfragen und Erstellen von Ad-hoc-Datenanalysen zählt genauso zu unseren Aufgaben wie die Vorbereitung spezieller Datenaufbereitung und -auswertung. Das alles stellen wir dann Entscheidungsträgern in Politik und Verwaltung zur Verfügung.

Im Hintergrund hat das Monitoring zusätzlich noch die Aufgabe, eine kontinuierliche Datenbasis fortzuschreiben und vorzuhalten. Da geht es dann in Richtung Datenverwaltung, Datenbanken, Datenaufbau und Aktualisierungsprozesse. Zum einen soll eine Ist-Stand-Analyse der Bildungslandschaft in Leipzig zur Verfügung gestellt und diese kontinuierlich geupdated werden. Zum anderen ist Bildungsmonitoring auch dazu da, Handlungsfelder in den Bereichen der Bildungspolitik und der Bildungsverwaltung zu identifizieren. Dabei werden nicht nur Handlungsfelder, sondern auch Stärken herausgearbeitet. Das große Ziel ist, politisches und Verwaltungshandeln möglichst transparent und datengestützt zu gestalten und zu unterstützen.

Mit welchen internen und externen Partnern arbeiten Sie zusammen?

Hier möchte ich vorwegstellen, dass alles seine Zeit braucht. Zu Beginn sind die Vertrauensverhältnisse in der Regel noch nicht da. Nach fünf Jahren Monitoring hat man dann aber Erwartungshaltungen und auch Vertrauensbasen zu bestimmten Stellen aufgebaut. Das führt dazu, dass Datenlieferung und Datenaustausch deutlich einfacher werden. Intern haben wir mit dem Amt für Statistik und Wahlen einen sehr wichtigen Partner. Die bereiten unter anderem die Daten des Einwohnermelderegisters auf und stellen uns Altersstrukturen, Bevölkerungsdynamiken, Informationen zu Migrationshintergrund u.a.m. zur Verfügung. Hier ist es wichtig, dass das auch kleinräumig funktioniert – wir also auf Ortsteile schauen können. Weiterhin bereitet das Amt für Statistik und Wahlen noch die Daten der Bundesagentur für Arbeit auf und stellt Daten aus dem Mikrozensus zur Verfügung.

Ein weiterer wichtiger, interner Partner ist das Amt für Jugend, Familie und Bildung. Hier werden uns von den Planungsabteilungen, Kita-Planung und Schulnetzplanung Daten zur Verfügung gestellt. Das Sozialamt und das Gesundheitsamt sind Partner, die wir hier am Dezernat haben. Da geht es in erster Linie um Daten zu Kindertagesstätten oder auch zu Schuleingangsuntersuchungen. Ansonsten haben wir noch Kooperationen mit anderen Stellen in der Stadt. So stellen uns z.B. das Kulturamt, die Volkshochschule oder die Bibliotheken, Nutzer- und Teilnehmerdaten zur Verfügung. In den letzten Jahren haben wir einzelne Teile des Bildungsreports quasi outgesourct, sodass einzelne Fachämter ihre Teilkapitel selbst übernehmen oder uns unterstützen, diese zu schreiben.

Neben den internen Partnern haben wir auch sehr wichtige externe Partner. Am wichtigsten ist für uns das Statistische Landesamt Sachsen, das in Bezug auf schulische Bildung, berufliche Ausbildung und Hochschulbildung das Herzstück des Monitorings ist. Uns werden von dieser Stelle schulstandortkonkrete Daten zur Verfügung gestellt. Damit können wir sozialräumliche Analysen und Querverbindungen zum Umfeld treffen. Wir haben es im Laufe der Zusammenarbeit geschafft, ein Datenabonnement abzuschließen. Das heißt, dass das Statistische Landesamt die Daten aufbereitet und validiert zur Verfügung stellt.

Außerdem haben wir auch noch eine Kooperation mit der Sächsischen Bildungsagentur, die uns Daten zu den Bildungsempfehlungen zur Verfügung stellt. Mit den Kammern haben wir weitere externe Partner. Hier spreche ich vor allem von den großen Kammern, IHK und HWK, die uns Daten zu Aus- und Weiterbildungen zur Verfügung stellen. Wir nutzen die Verbundstatistik von Volkshochschulen und den Bibliotheken und haben auch mit dem Sportamt und dem Stadtsportbund Datenlieferbeziehungen.

Das A und O der Zusammenarbeit ist dabei immer die rechtzeitige Abstimmung mit relevanten Fachämtern. Am besten ist es, die Fachämter schon in einer relativ frühen Konzeptphase anzusprechen und mitzunehmen. Ihnen zu einem bestimmten Zeitpunkt einen großen Brocken an Berichten auf den Tisch zu legen und zu sagen, so wir haben jetzt mal über euch geschrieben und so sehen wir euch, ist nicht zielführend. Man muss denen von vornherein erklären, was man vorhat, wohin man will und was man mit ihren Daten macht. Eine gute Lösung haben wir mit der Einführung unserer "virtuellen runden Tische" gefunden. Dabei werden einzelne Kapitel des Berichts in Entwurfsfassung an die Partner geschickt, die uns ihre Daten zur Verfügung stellen. Sie können uns daraufhin Feedback geben, ob wir die Daten richtig verwenden. Diese Rückkopplung findet einmal während der Konzeptphase und ein zweites Mal mit einer erweiterten Entwurfsfassung statt. Das muss nicht unbedingt in einem realen Treffen abgehandelt werden, wenngleich wir das auch anbieten. Dem Vertrauensverhältnis ist dieses Vorgehen, regelmäßiges Feedback einzuholen, sehr zugutegekommen.

An wen richten sich ihre Ergebnisse und wie werden sie aufbereitet?

Wir schreiben für eine breite Fachöffentlichkeit Bildungsberichte. Deswegen verfolgen wir ein lebensbegleitendes Konzept – von den Rahmenbedingungen bis zum non-formalen Bereich. In erster Linie sehen wir den Bildungsreport als Arbeitsinstrument. Das heißt, der Bericht richtet sich auch intern an die Politik und die Verwaltung, die ihr bildungspolitisches Handeln begründen soll. Hier hilft er bei der Prioritätensetzung. In der Verwaltung können und wollen wir Steuerungsprozesse unterstützen, wie zum Beispiel in der Planung – sei es die Netzplanung, der Planung von Angeboten oder der Abgrenzung von Fördergebietskulissen.

Sobald der Bildungsreport erscheint, bereiten wir zielgruppenspezifische Präsentationen mit ausgewählten Themenschwerpunkten auf. Wir machen jedoch keine zielgruppenspezifischen Veröffentlichungen. Wir erstellen einen Report, der für alle ist. Bei Präsentationen vorm Migrantenbeirat beispielsweise setzen wir den Fokus auf migrationsspezifische Fragen. Letztes Jahr waren wir im Arbeitskreis Schule Wirtschaft. Da wurde dann eher auf den Übergang von der Schule zur Wirtschaft und zur beruflichen Ausbildung geschaut. Wir machen auch große Präsentationen, bei denen wir versuchen, alles abzudecken. Zum Beispiel für unsere Steuerungsgremien im Bildungsmanagement oder für amtsinterne Beratungsrunden oder Arbeitsgruppen. Zudem arbeiten wir im Nachgang auf gezielte Anfragen spezielle Analysen aus. Beantwortet werden zum Beispiel Anfragen für Presse, Öffentlichkeit oder Stadtratsversammlungen.

Wie sind das Monitoring und Bildungsmanagement miteinander verzahnt?

Letztendlich kommt es darauf an, dass das Bildungsmonitoring über seine bloße Analyse- und Darstellungsfunktion hinaus geht und bildungspolitisches Handeln in Gang setzt. Die Verzahnung von Management und Monitoring sieht so aus, dass unsere Managementstrukturen im Sinne von Lenkungsgruppe und Steuerungskreis – verwaltungsintern und verwaltungsextern – verknüpft sind. Mit denen wird das Vorgehen des Monitorings in Sachen Konzepterstellung und Ergebnisse der Berichte zunächst abgestimmt. Die werden in die Gremien zurückgespiegelt, diskutiert und abgestimmt. Das Berichtswesen ist also im Wesentlichen ein Kreislauf: vom Schreiben, über Ergebnisse diskutieren, neue Schwerpunkte legen und wieder neue Berichte schreiben. Darauf aufbauend kommen dann konkrete Analysenachfragen.

Das Thema Schulabbrecher ist zum Beispiel eins, das uns in Leipzig besonders umtreibt. Da hat das Monitoring erstmals das Problem identifiziert. Wir konnten erkennen, dass wir hier eine sehr hohe Quote an Schulabbrechern haben. Da entstehen Rückfragen, wie: "Woran liegt's?". Das können wir im Monitoring zwar nicht unbedingt aus Datensicht ergründen, aber wir konnten Schwerpunktgebiete und -gruppen identifizieren.

Im Monitoring können wir dann helfen, die Stakeholder zu analysieren. Diese werden anschließend durch das  Management an einen Tisch gebracht, um auf den Ergebnissen basierend Handlungen einzuleiten. Das ist hier passiert, indem meine Kollegin damals das Handlungskonzept "Schulerfolg für Leipzig" geschrieben hat, das jetzt in den Maßnahmenkatalog zur Herstellung von Chancengerechtigkeit überführt wird.

Welche Tipps können Sie anderen Kommunen mit auf dem Weg geben?

Wichtig ist, dass man Bildungsmonitoring unbedingt als Entwicklungsprozess und Kreislauf begreifen soll. Das ist nichts, was von Anfang an perfekt und abgeschlossen ist. Bevor man den ersten Bildungsbericht schreibt, ist zu überlegen, welcher Auftrag besteht und welche Strategien man hat, um den Bildungsreport zu realisieren. Nicht zu vernachlässigen ist dabei die Frage nach der Datenlage in der Kommune.

Wir hatten zu Anfang zu viele Daten. In dem Fall muss man konkret auswählen und überlegen: Was stelle ich dar? Man muss auch im Blick behalten, wo es aufhört, übersichtlich oder relevant zu sein. In anderen Kommunen stellt sich eher die Frage: Wo nehme ich überhaupt Daten her? Was kann ich überhaupt abbilden? Ich habe eigentlich viel zu wenig.

Dann muss man sich fragen: Möchte ich gerne einen thematisch breiten Bericht aufstellen, mit dem ich möglichst viel abdecke oder möchte ich lieber analytisch tief arbeiten und gezielt Aspekte betrachten? Beides zusammen ist in der Regel nicht möglich. Außer man hat ein großes Team und viel Zeit. Anschließend sollte man sich Gedanken über formale Aspekte machen. Bilde ich den kompletten Lebenslauf ab oder beschränke ich mich auf Teilbereiche? Arbeite ich mit ausführlichen Anhängen? Will ich das Ganze drucken oder nur online zur Verfügung stellen?

Wichtig ist zudem, die kommunalen Spezifika und Besonderheiten zu beachten. Hier in Leipzig bewegen wir uns in einer demografisch sehr dynamischen Stadt. Das hat Auswirkungen auf ganz viele Bereiche im Bildungswesen. Aus der Zeit von "Lernen vor Ort" weiß ich, dass Kommunen oftmals mit gegenteiligen Voraussetzungen starten und dass Fragen nach Fachkräftesicherung, nach demografischer Alterung und nach Seniorenbildung für sie viel wichtiger sein könnten. Das sollte man sich im Vorfeld überlegen, sodass man gezielt nachfragen kann und die richtigen Daten aufarbeitet.

Am Anfang sollte man sich Gedanken über die Datenhaltung machen. Es geht darum, ein Monitoringsystem aufzubauen, das die Daten nachhaltig vorhält. So, dass man sie so ablegen kann, dass man sie auch wiederfindet. Dazu müssen sie transparent gestaltet und nachvollziehbar aufgebaut sein. Man kann das auch quick and dirty machen, aber das ist dann wenig nachhaltig. Damit kann man nur für einen Bericht arbeiten und im nächsten dann nicht mehr darauf zurückgreifen, weil man weder die Struktur und noch seine Daten wiederfindet.

Was das Arbeiten mit Daten im Monitoring zunehmend einfacher macht, sind Open-Data-Konzepte. Diese werden vom Statistischen Landesamt, aber auch in unserem hiesigen Amt für Statistik und Zahlen genutzt. Von Vorteil ist dabei, dass Daten tatsächlich in einer guten Auflösung und in einem aktuellen Zeitbezug online frei zur Verfügung gestellt werden.

Es ist zudem sinnvoll, möglichst viele Daten in einer räumlichen Betrachtung zu sehen. Hier sind Karten und kleinräumige Analysen oft hilfreich, um das Bildungsgeschehen möglichst detailliert abzubilden und auch kleinräumige Handlungsoptionen ableiten zu können.

Was uns am Ende des Berichts noch geholfen hat, sind Kurzfassungen der einzelnen Kapitel, die man dann in einem Bericht einbauen kann. Genauso wie Querschnittsauswertungen zu bestimmten Themen, die sich während des Schreibens als besonders relevant erwiesen haben. Wir gehen zum Beispiel immer noch auf die sozialräumliche Selektivität, Migrationshintergrund oder geschlechtersensible Themen ein, die wir am Ende lebensbegleitend in einem Kapitel darstellen.

Letzten Endes ist es so, dass das Monitoring mit der Zeit einfacher von der Hand geht. Zum einen haben die Open-Data-Ansätze das Arbeiten wirklich erleichtert. Und wenn man ein bestehendes Konzept hat, macht das einen Monitoringbericht auch einfacher. Auf  Erfahrungen aus älteren Berichten kann man bauen. Was das Arbeiten schöner macht, sind eingespielte Daten-Lieferbeziehungen und das gegenseitige Vertrauen. Dann wird klar: Was kann ich von euch an Daten erwarten? Und was könnt ihr von mir an Analysen und Berichten erwarten? Im Laufe der Jahre des Monitorings erhalten die Monitoringberichte zudem eine steigende Akzeptanz. Allerdings muss man auch sagen, dass das Erregungspotenzial deutlich abnimmt. Der erste Bildungsreport hatte noch für sehr, sehr starke bildungspolitische Diskussionen gesorgt.

Welche Tipps ich noch unbedingt mitgeben möchte, ist, dass man aus dem Monitoring heraus keine unrealistischen Erwartungen weckt, aber auch an das Monitoring keine unrealistischen Erwartungen stellt. Das Monitoringsystem muss von Anfang an mitgedacht werden. Die Datenhaltung und -verwaltung ist eine der wichtigsten Aufgaben. Wenn man eine gut gepflegte Datenbank hat, macht es das Arbeiten deutlich einfacher. Wenn man keine hat und das nachträglich alles aufbereiten muss, ist das unglaublich viel Arbeit. Das Monitoring ist deutlich angewiesen auf Daten im Sinne der Datenverfügbarkeit, im Sinne der Qualität von Daten und im Sinne der Granularität der einzelnen Daten. Damit kann das Monitoring immer nur so gut sein wie seine Daten.