Wir bringen Bildung in Form

Transferagentur Mitteldeutschland für Kommunales Bildungsmanagement – TransMit

19.09.2017

Im Interview: Kommunale Koordinierung in der Praxis

Bildung ist der Schlüssel zur Integration. Bundesweit stehen Kommunen vor der Aufgabe, Angebote und einheitliche Zugänge zum Bildungssystem für Neuzugewanderte zu schaffen. Drei kommunale Koordinatorinnen und Koordinatoren für Neuzugewanderte sprachen mit uns über ihre Arbeit in diesem Feld.

Wir sprachen mit:

  • Dagmar Bremer, kommunale Bildungskoordinatorin in der Landeshauptstadt Magdeburg
  • Gunter Harsch, kommunaler Koordinator im Ilm-Kreises
  • Marcus Oertel, Bildungskoordinator in der Landeshauptstadt Dresden

Welche Ziele verbindet Ihre Kommune mit dem Programm "Kommunale Koordinierung der Bildungsangebote für Neuzugewanderte"?

Bremer: Perspektivisch soll die Basis für eine bedarfsorientierte und strategische Koordinierung geschaffen werden. Dabei sollen die verschiedenen Bildungsangebote stärker an den tatsächlichen Bedarf der Neuzugewanderten angepasst werden. Um nachhaltige Bildungsstrukturen zu schaffen, müssen verwaltungsinterne und externe Bildungsakteure miteinander ins Gespräch kommen.

Harsch: Wir verfolgen ebenfalls das Ziel, die Bedarfe der Zielgruppe in eine abgestimmte Förderkette münden zu lassen und so vielfältigere Angebote zu ermöglichen. Dies betrifft die Bereiche der sprachlichen und beruflichen Qualifizierung sowie die soziokulturellen Bildungsangebote.

Oertel: Es ist wichtig, einen Überblick über Angebote und Bedarfe zu schaffen. Wir veröffentlichen deshalb Informationen so, dass sie bei Akteuren und Zielgruppen auch wirklich ankommen. Außerdem wollen wir die Bildungswege für Neuzugewanderte in Dresden grundsätzlich ausbauen.

Welche Unterstützung erhalten Sie bei Ihrer Arbeit von der kommunalen Spitze?

Harsch: Ich erhalte bei meiner täglichen Arbeit viel Unterstützung zum Beispiel beim Zugang zu bestimmten Gremien und Beratungen innerhalb der Verwaltung. Die Herausforderung ist, verschiedene Akteure und Ziele zusammenzubringen und umsetzbare Aufträge zu erteilen. Aufgrund der guten Gesprächs- und Kooperationsbereitschaft gelingt uns dies recht oft.

Oertel: Koordination ist eine typische Querschnittsaufgabe. Für uns ist es deshalb wichtig, dass wir unkompliziert mit vielen Akteuren innerhalb und außerhalb der Verwaltung zusammenkommen. Vor diesen Treffen stimmen wir uns in regelmäßigen Gesprächen mit unserer Leitung ab.

Bremer: Durch die direkte Einbindung der Bildungskoordinatoren in den Bereich des Oberbürgermeisters haben wir relativ kurze Wege in alle Bereiche der Verwaltung. Uns ist es gelungen, unsere Querschnittsaufgabe trotz teilweise kleinteilig aufgesplitterten Zuständigkeiten im Migrations- und Integrationsbereich in der Stadtverwaltung verständlich zu machen.

Wo sind Sie in der Verwaltungsstruktur angesiedelt und in welche internen Abstimmungsgremien sind Sie eingebunden?

Harsch: Formal gibt es eine Amtszuordnung, jedoch Thema und Zielgruppe erfordern eine ämterübergreifende Arbeit. Ich finde viele offene Türen in der kommunalen Verwaltung und bei unserer Landrätin. Eingebunden bin ich in die Ausschüsse des Kreistags, wenn das Thema dort auf der Tagesordnung steht.

Bremer: Wir sind u. a. in die Arbeit der verwaltungsinternen Arbeitsgruppe "Integration", den ehrenamtlich tätigen "Beirat für Migration und Integration", die "Netzwerke für Migration und Ausländerarbeit" sowie die Arbeitsgruppen, die das neue Integrationskonzept erarbeiten, eingebunden.

Oertel: Auch wir sind in zahlreiche Gremien eingebunden. Das bedeutet viel Arbeit, ist aber auch wichtig für das Netzwerken und das gemeinsame Beseitigen von Stolpersteinen. Seit dem Januar 2017 sind wir Teil des neu geschaffenen Geschäftsbereichs "Bildung und Jugend". Mit Herrn Hartmut Vorjohann haben wir zudem nun erstmals einen Beigeordneten für diesen Bereich.

Strukturentwicklung oder operatives Tagesgeschäft – Wo liegen die Schwerpunkte?

Bremer: Beides kann man nicht voneinander trennen. Strukturentwicklung und operatives Tagesgeschäft sollten Hand in Hand gehen, denn nur so können neue Verknüpfungen entstehen und mögliche Defizite abgebaut werden.

Harsch: Keine Strategie ohne Zustands- und Bedarfserhebung. Es gilt die Herausforderungen des operativen Tagesgeschäfts zu betrachten, um die strukturellen Entwicklungen beschreiben und voranbringen zu können.

Oertel: Auch ich denke, dass Tagesgeschäft und Strukturentwicklung gut aufeinander abgestimmt werden sollten. Wir, als Kollegen, haben beispielsweise jeder einen eigenen altersgruppenspezifischen Schwerpunkt. Wir sehen das Thema über alle Lebensphasen hinweg, d. h. von der frühkindlichen Bildung über den schulischen sowie beruflichen Bereich bis hin zur Erwachsenenbildung der Neuzugewanderten.

Welche Rolle spielt das kommunale Bildungsmanagement?

Harsch: Eine immer größere. Kommunales Bildungsmanagement sehen wir im Ilm-Kreis als umfassende Aufgabe. Mit der Transferagentur Mitteldeutschland haben wir uns deshalb fachliche Unterstützung für den Aufbau unseres kommunalen Bildungsmanagements geholt.

Oertel: Bei uns gibt es bereits zwei Kolleginnen für das Bildungsmanagement und das Monitoring, die mit einem Handlungskonzept für den Bereich Bildung und der Bildungsberichterstattung wichtige Grundlagen für ein langfristiges und strategisches Bildungsmanagement gelegt haben. Sie haben auch das Fundament für die Bildungskoordination für Neuzugewanderte gegossen und erleichtern unsere Arbeit durch ihre Expertise.

Bremer: Für Magdeburg spielt das kommunale Bildungsmanagement zunehmend eine größere Rolle. Durch dieses Programm wurde ein zusammenführendes Gremium initiiert. Die Arbeit der Bildungskoordinatoren verdeutlicht, wie wichtig ein solch strukturiertes Vorgehen im Bereich von Bildungsmonitoring und Bildungsmanagement für eine Kommune ist.

Welche Erfolge haben Sie bereits erzielt? Welche Rückschläge gibt es?

Oertel: Im Arbeitsfeld Sprachförderung konnten wir mit einer Übersicht über Deutschkurse eigene Akzente setzen. Die Übersicht wird regelmäßig aktualisiert und umfasst alle Regelkurse, die in Dresden gerade starten oder demnächst stattfinden werden. Erstellt haben wir darüber hinaus eine Übersicht der Angebote für den Übergang in Ausbildung und Arbeit.
Auch wenn die meisten Akteure uns positiv begrüßt haben, gibt es doch einige, die auch mal nach dem Sinn von neuen Koordinatoren fragen. Wir können das durchaus verstehen, denken aber, dass es immer noch genug Herausforderungen rund um die Bildungswege für Neuzugewanderte gibt. Zusammen mit anderen werden wir uns hier einbringen und durch gute Arbeit überzeugen.

Harsch: Leider gibt es Stagnation bei den Angeboten für 16- bis 18-Jährige, bei der sozialen Integration und bei der Integration in den Arbeitsmarkt, weil ein Qualifizierungsweg nicht innerhalb weniger Monate abgeschlossen ist. Auch fehlen an vielen Schulen weiterhin "Deutsch als Zweitsprache"-Lehrerinnen und Lehrer. Positiv ist, dass die Träger der Integrationskurse über uns in einem direkten Austausch stehen und die Kursangebote immer besser aufeinander abgestimmt werden. Hierbei hilft die zentrale Übersicht zu Sprachkursangeboten und Qualifizierungswegen, die als vordringlichste Aufgabe umgesetzt wurde.

Bremer: Gut Ding will Weile haben – man braucht Geduld und manchmal eine gewisse Portion an Beharrlichkeit, um überzeugende Argumente für Veränderungen anbringen zu können. Dazu ist wiederum Fachwissen notwendig, das wir uns zum Teil auch erst aneignen müssen. Ein leidiges Thema ist und bleibt das Problem mit dem Datenaustausch. Um Aussagen verifizieren zu können, brauchen wir valides Zahlenmaterial. Als Erfolg sehe ich, dass wir in eine Vielzahl von internen und auch externen Strukturen eingebunden sind. Somit werden wir als Multiplikatoren und Netzwerker angesehen.

Vielen Dank für das Gespräch.